Ein Gastbeitrag von Linda Häfele, Ulm Die Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg (SQR-BW) ist mit der landesweiten externen und datengestützten Qualitätssicherung der prähospitalen Notfallversorgung beauftragt. Definierte Qualitätsindikatoren machen Versorgungsprozesse und -ergebnisse messbar, ermöglichen regionale Vergleiche und zeigen Verbesserungspotenziale auf. Der SQR-Qualitätsbericht 2025 geht dabei über die Fortschreibung etablierter Indikatoren hinaus und beleuchtet mehrere neue Aspekte.
Methodik
Für den Qualitätsbericht 2025 wurden 247.815 Notarztdatensätze sowie 852.271 Datensätze zu rettungsdienstlichen Einsätzen ohne Notarztbeteiligung einbezogen und mit den zugehörigen Leitstellendatensätzen verknüpft. Die Datenerhebung und -übermittlung basierten auf standardisierten elektronischen Datensatzspezifikationen. Die Auswertung erfolgte anhand der definierten Qualitätsindikatoren, deren Ergebnisse auf Landesebene sowie im Vergleich der Rettungsdienstbereiche dargestellt wurden. Zeitbezogene Ergebnisse wurden als Median und 95. Perzentil, ratenbasierte Ergebnisse als Erfüllungsgrade dargestellt. Änderungen von Definitionen und Berechnungsgrundlagen gegenüber den Vorjahren wurden bei der Interpretation berücksichtigt.
Ergebnisse
- Zunehmende eigenverantwortliche Patientenversorgung durch Notfallsanitäter:innen
Eine zentrale Entwicklung 2025 ist die zunehmende Versorgung ohne Notarztbeteiligung, die den fortschreitenden Kompetenzzuwachs der Notfallsanitäter:innen widerspiegelt. So stieg die Zahl der RTW-Datensätze gegenüber 2024 um 9 %, während Datensätze notarztbesetzter Rettungsmittel um 15 % zurückgingen.
Bei den Tracerdiagnosen zeigte sich eine Verschiebung von rund 10.000 Fällen von Notarzt- hin zu RTW-Einsätzen ohne Notarztbeteiligung. Gleichzeitig nahm die Zahl der dokumentierten therapeutischen Maßnahmen bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung deutlich zu.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Schmerztherapie: Die Zahl der ohne Notarztbeteiligung versorgten Patient:innen stieg von 64.090 im Jahr 2024 auf 78.191 im Jahr 2025. Der Anteil mit ausreichender Schmerzreduktion erhöhte sich von 55,0 % auf 63,8 % (+8,8 Prozentpunkte). Die Spannweite von 46 % bis über 84 % weist zugleich auf erhebliche regionale Unterschiede hin.
Parallel wurde 2025 erstmals ganzjährig der neue Notarztindikationskatalog Baden-Württemberg angewandt. Gemeinsam mit der Kompetenzerweiterung der Notfallsanitäter:innen dürfte dieser zu einer rückläufigen initialen Notarztentsendung beigetragen haben. Die Notarztnachforderungsrate stieg um 4 % auf 26 %. Die retrospektiv anhand des M-NACA-Scores bewertete Notarztindikation lag bei 71 %. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Kompetenzverschiebung können jedoch auch Patienten mit M-NACA 4 zunehmend suffizient durch RTW-Besatzungen versorgt werden. Eine Weiterentwicklung dieses Indikators wurde bereits angestoßen.
- Reanimationserkennung erstmals als Qualitätsindikator
2025 wurde erstmals systematisch erfasst, ob ein Herz-Kreislauf-Stillstand bereits bei der initialen Notrufbearbeitung erkannt wird. Die landesweite Reanimationserkennung lag bei knapp 65 % und erweitert die Qualitätssicherung damit um einen frühen Abschnitt der Reanimationskette.
Zwischen den einzelnen Leitstellen zeigte sich jedoch eine erhebliche Bandbreite von 33 % bis 79 %.
- Prähospitalzeiten auf neuem Höchststand
Die Prähospitalzeiten bleiben der kritischste Befund des Berichts. Bei Notarztbeteiligung stieg der Median auf 56:45 min (+1:14 min), das 95. Perzentil auf 1:36:20 h (+2:11 min). Ohne Notarztbeteiligung erhöhte sich der Median auf 51:04 min (+66 Sek), das 95. Perzentil auf 1:23:40 h (+32 Sek).
Bei Notarztnachforderung lag die mediane Prähospitalzeit rund 20 Minuten über der bei primärer Notarztalarmierung.
Die längeren Zeiten bei Notarztbeteiligung sind zugleich vor dem Hintergrund der höheren Erkrankungs- und Verletzungsschwere zu interpretieren, die durch höhere M-NACA-Scores repräsentiert wird.
Bei zeitkritischen Diagnosen bleibt die Zielerreichung unzureichend: Beim STEMI erreichten 68,0 % die Klinik innerhalb von 60 Minuten, beim akuten zentral-neurologischen Defizit 62,8 % mit und 71,5 % ohne Notarztbeteiligung. Bei Sepsis lagen die Werte bei 42,8 % bzw. 48,3 %.
Besonders kritisch sind die Werte bei Polytrauma/Schwerverletzten mit vitaler Gefährdung: Nur 38,9 % erreichten das 60-Minuten-Ziel – 10 Prozentpunkte weniger als 2024 und ein Fünfjahrestief.
Über die Indikatoren hinweg halbierte sich der Erreichungsgrad bei Notarztnachforderung. Beim Herz-Kreislauf-Stillstand lag der Anteil mit einer Prähospitalzeit unter 60 Minuten mit 37 % am niedrigsten. Hier zeigte sich aufgrund der geringeren Nachforderungsrate und der längeren Vor-Ort-Zeit ein geringerer Einfluss der Notarztnachforderung.
- Indikatoren geschärft: Differenziertere STEMI-Bewertung und neue Sauerstoffsättigungsgrenzen
Die bisherige Bewertung der leitliniengerechten STEMI-Versorgung (2024: 60 %) wurde 2025 durch spezifische Prozessindikatoren ersetzt. Das 12-Kanal-EKG wurde in 69,5 % der Fälle durchgeführt, wobei die SQR-BW aufgrund von Dokumentations- und Softwareproblemen eine eingeschränkte Validität feststellt. Die ASS-Gabe erreichte eine Erfüllungsrate von knapp 81 %.
Auch beim akuten zentral-neurologischen Defizit und bei Atemnot wurden die Grenzwerte für eine indikationsgerechte Sauerstoffgabe an aktuelle Leitlinien angepasst, unter anderem durch eine diagnosespezifische Differenzierung für ACS/STEMI und COPD. Dadurch verbesserten sich die Erfüllungsgrade um bis zu 10,5 Prozentpunkte; die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren ist entsprechend eingeschränkt.
Diskussion
Der SQR-BW-Qualitätsbericht 2025 zeigt einen strukturellen Wandel des Rettungsdienstes. Die zunehmende Versorgung ohne Notarztbeteiligung und die Verbesserung therapeutischer Maßnahmen – insbesondere der Schmerztherapie – zeigen, dass die erweiterten Kompetenzen der Notfallsanitäter:innen zunehmend systemwirksam werden. Der neue Notarztindikationskatalog dürfte diese Entwicklung zusätzlich unterstützen.
Die erheblichen regionalen Unterschiede zeigen jedoch, dass formale Kompetenzübertragung allein nicht ausreicht, sondern durch geeignete strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen flankiert werden muss.
Demgegenüber stehen weiter steigende Prähospitalzeiten, die 2025 neue Höchstwerte erreichten. Besonders bei zeitkritischen Krankheitsbildern bleibt die Zielerreichung unzureichend. Die deutlich längeren Zeiten nach Notarztnachforderung weisen trotz der höheren Erkrankungs- und Verletzungsschwere bei Notarztbeteiligung auf Optimierungspotenzial bei Disposition und Alarmierungsstrategie hin. Die erstmalige Erfassung der Reanimationserkennung verdeutlicht zudem, dass bereits die frühen Prozesse der Versorgungskette stärker in die Qualitätsentwicklung einbezogen werden müssen.
Fazit
Die zunehmende Eigenverantwortung der Notfallsanitäter:innen ist eine zentrale Chance für einen leistungsfähigen und bedarfsgerechten Rettungsdienst. Voraussetzung dafür ist eine konsequente sektorenübergreifende Weiterentwicklung und Abstimmung der gesamten Rettungskette – von Notrufannahme bis zur klinischen Anschlussversorgung. Ziel muss sein, die jeweils erforderliche Kompetenz möglichst zielgerichtet und ohne vermeidbare Zeitverluste verfügbar zu machen.
Bei der Bewertung der Qualitätsentwicklung müssen zugleich methodische Veränderungen berücksichtigt werden. Angepasste Rechenregeln und bestehende Export- und Dokumentationsprobleme können Indikatorergebnisse wesentlich beeinflussen und zeigen, dass Dokumentationsqualität und medizinische Versorgungsqualität nicht immer gleichzusetzen sind. Eine vollständige, valide und einheitlich erhobene Datengrundlage ist damit nicht nur für die Qualitätssicherung, sondern in Baden-Württemberg zukünftig auch als Grundlage der Notfallkategorien für die rettungsdienstliche Bedarfsplanung von zentraler Bedeutung.