Ein Gastbeitrag von Sebastian Weber, Ulm Der hämorrhagische Schock ist weltweit eine der Hauptursachen für Morbidität und Mortalität allgemein und gleichzeitig die häufigste vermeidbare Todesursache bei Erwachsenen unter 45 Jahren. Die frühzeitige Bluttransfusion ist eine zentrale Säule in der Behandlung der traumatischen Hämorrhagie. In den letzten Jahren hat insbesondere die prähospitale Gabe von Blutprodukten an Bedeutung gewonnen, um den hämorrhagischen Schock frühzeitig zu behandeln und die Zeit bis zur definitiven Blutungskontrolle zu überbrücken. Während die Standardtherapie aus der balancierten Gabe einzelner Blutkomponenten (Erythrozytenkonzentrat, Plasma und Thrombozytenkonzentrat) besteht, gewinnt die Verwendung von Vollblut zunehmend an Interesse. Vollblut bietet potenzielle Vorteile wie vereinfachte Logistik, schnellere Applikation und eine physiologischere Zusammensetzung der Blutprodukte. Trotz dieser theoretischen Vorteile fehlten bislang robuste randomisierte Studien, die die klinische Wirksamkeit und die Sicherheit der prähospitalen Vollbluttransfusion im Vergleich zur Standardtherapie eindeutig belegen. Aktuell sind zwei hochwertige Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht worden, die eine differenziertere Bewertung der aktuellen Evidenzlage ermöglichen.
Dion PM, Greene A, Aves T, Pan A, Drennan I, von Vopelius-Feldt J, Beckett A, Shorr R, Nolan B
Prehospital whole blood transfusion in hemorrhagic shock: A systematic review.
Diese systematische Übersichtsarbeit untersucht die Sicherheit und Wirksamkeit von Vollbluttransfusionen, die bereits im prähospitalen Bereich bei Erwachsenen mit hämorrhagischem Schock verabreicht werden. Eingeschlossen wurden 7 Studien aus den USA mit insgesamt 6954 Patient: innen, eine pragmatische cluster-randomisierte Studie und sechs Beobachtungsstudien. Die Auswertung der sieben Studien zeigt, dass die Verwendung von Vollblut der Blutgruppe 0 mit niedrigem Anti-A-/Anti-B-Antikörper-Titer (Low Titer Group O Whole Blood= LTOWB) im Vergleich zu herkömmlichen Komponententherapien zu einem geringeren Bedarf an weiteren Blutprodukten innerhalb der ersten 24 Stunden führt. Während die Auswirkungen auf die Sterblichkeit aufgrund methodischer Unterschiede zwischen den Studien noch uneinheitlich bewertet werden, erwies sich das Verfahren als sicher. Es traten keine signifikanten Steigerungen bei Transfusionsreaktionen oder schwerwiegenden Komplikationen wie Lungenversagen oder Kreislaufüberlastung auf. Insgesamt unterstützen die Daten aus den analysierten Studien die praktische Durchführbarkeit dieses Ansatzes, um die Versorgung von lebensbedrohlichen Blutungen bei Trauma bereits vor der Ankunft im Krankenhaus zu optimieren. Die Autoren schätzen die Evidenzqualität für die Aspekte „Sicherheit“ und „Ressourcenverbrauch“ als moderat und für „Mortalität“ als niedrig ein.
Dion et al. betonen selbst mehrere Schwächen der bis dahin verfügbaren Evidenz: Der überwiegende Teil bestand aus observational data mit moderatem bis schwerem Bias-Risiko, insbesondere durch Confounding, selection bias und unterschiedliche Adjustierungsstrategien. Außerdem variierten Populationen, Vergleichsgruppen, Transfusionsprotokolle, prähospitale Systeme und Transportzeiten erheblich. Genau diese Heterogenität verhinderte auch eine Metaanalyse.
Smith JE, Cardigan R, Sanderson E, Silsby L, Rourke C, Barnard EBG, et al.
Prehospital Whole Blood in Traumatic Hemorrhage – a Randomized Controlled Trial
Methodik
Studiendesign
- Pragmatische, multizentrische, unverblindete, randomisierte und kontrollierte Phase-3-Studie
- Überlegenheitsdesign
- Unterstützt durch National Health Service Blood and Transplant (NHSBT, UK), kein wirtschaftliches Sponsoring
- Modifizierte Intention-to-treat-Analyse
Setting
- 10 Luftrettungsdienste (HEMS, Arzt/ Ärztin + HEMS-TC/Paramedic) im Vereinigten Königreich
- Zeitraum: Dezember 2022 – September 2024
Studienpopulation
Patient:innen mit traumatischer Hämorrhagie und Indikation zur prähospitalen Transfusion (942 randomisiert; n= 616 in der Hauptanalyse)
- 75,5 % männlich
- 71,3 % stumpfes Trauma
- ∼40 % mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma
- Vitalparameter zwischen den Gruppen vergleichbar: HF ∼110 bpm, RRsys ∼95 mmHg, AF 22/ min, SpO2 94-95 %; → Schockindex ∼1,16
- Median Injury Severity Score ∼33
- Median Glasgow Coma Scale 12
- 314 Vollblut vs. 302 Standardtherapie
Einschlusskriterien
- Patient:innen mit traumatischer Hämorrhagie
- Indikation zur prähospitalen Bluttransfusion
- Versorgung durch teilnehmende HEMS-Teams
Ausschlusskriterien
- Patient:innen mit traumatischem Herz-Kreislaufstillstand (TCA, n= 226)
- Patient:innen mit nicht-traumatischer Hämorrhagie (n= 34)
- Kein intravenöser/-ossärer Zugang möglich
- Ablehnung von Blutprodukten
- Transfusion von Blut und/oder Blutprodukten vor Eintreffen teilnehmende HEMS
Intervention
- Vollblutgruppe: bis zu 2 Einheiten leukozytendepletiertes Vollblut (∼940 mL)
- Standardgruppe: bis zu 2 Einheiten Erythrozyten + 2 Einheiten Plasma (∼1104 mL)
Endpunkte
- Primär: Kombinierter Endpunkt aus
- Tod jeglicher Ursache oder
- Massivtransfusion (≥ 10 Einheiten o. > 40 mL/kgKG bei pädiatrischen Patient: innen) innerhalb 24 Stunden
- Sekundär:
- Mortalität (6 h, 24 h, 30 Tage, 90 Tage)
- Massivtransfusion
- Tage ohne Organversagen (bis 30 Tage)
- Intensiv- und Krankenhausverweildauer (bis 90 Tage)
- Anzahl v. (Blut-)produkten inkl. prähospitaler Produkten
- Laborchemische Parameter (Prothrombinzeit, Säure-Base-Haushalt; erste Blutentnahme bei Krankenhausaufnahme)
- Sicherheit (alle 942 wurden bzgl. dieses Aspektes analysiert!)
- thrombotische Ereignisse (bis zu 30 Tage)
- Transfusionsreaktionen
- Nebenwirkungen, die mit einer Transfusion in Zusammenhang stehen können
Ergebnisse
- Primärer Endpunkt: 48,7 % Vollblut vs. 47,7 % Standardtherapie ohne signifikanten Unterschied (RR 1,02; 95%-KI 0,8 – 1,31; p = 0,84)
- Sekundärer Endpunkt: keine Unterschiede
- Auffälligkeit: Erhöhte Prothrombinzeit bei Vollblut (40,7 % vs. 30,5 %) ohne klinische Relevanz (liegt ggf. an Produktalter, LTOWB bis zu 21 Tage alt vs. Plasma in Komponententherapie max. 5 Tage alt)
- Sicherheit
- Schwerwiegende Nebenwirkungen
- Vollblut: 31 Ereignisse
- Standard
- Thrombotische Ereignisse: kein relevanter Unterschied
- Transfusionsreaktionen: nur in Standardgruppe beobachtet (sehr selten)
- Schwerwiegende Nebenwirkungen
Limitationen
- Pragmatisches Design → Variabilität in der Indikationsstellung („clinical judgment“)
- Begrenzte verabreichte Vollblutmenge (max. 2 Einheiten) → ggf. „Dose-Effekt“ nicht erreicht
- ∼ 150 – 200 mL Unterschied in der Volumentherapie (∼940 mL LTOWB vs. ∼1104 mL Komponententherapie
- Heterogene Patientenkohorte mit relevanten Anteil schwerer Schädel-Hirn-Traumata (40 %)
- Kombinierter Endpunkt (Tod + Massivtransfusion) ist klinisch interpretativ limitiert
Einordnung der Ergebnisse
Zunächst bestätigt die Studie von Smith et al. die bisherigen Erkenntnisse zur Sicherheit. Die Anwendung von Vollblut im prähospitalen Setting ist nicht nur praktikabel, sondern auch sicher. Schwerwiegende Transfusionsreaktionen oder andere transfusions-assoziierte Nebenwirkungen treten nicht vermehrt auf.
Gleichzeitig relativiert diese Studie den zuvor in retrospektiven Beobachtungsstudien festgestellten möglichen Überlebensvorteil. Unter den prospektiven randomisiert-kontrollierten Untersuchungsbedingungen konnte dieser nicht bestätigt werden. Es ist aber ebenfalls erwähnenswert, dass das Pendel auch nicht in die andere Richtung ausgeschlagen ist. Eine signifikante Unterlegenheit der Vollblutstrategie zeigte sich auch nicht.
Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die Wahl der Vergleichsgruppe. Vollblut wurde nicht mit einer unzureichenden oder verzögerten Therapie verglichen, sondern mit einer bereits optimierten Strategie aus Erythrozyten und Plasma. Damit beantwortet die Studie nicht die Frage, ob Vollblut besser ist als keine frühzeitige Transfusion, sondern ob es einer etablierten, balancierten Therapie überlegen ist.
Warum zeigt sich kein Vorteil?
Die Gründe hierfür sind wahrscheinlich multifaktoriell. Zum einen könnte die verabreichte Menge an Vollblut (maximal zwei Einheiten) nicht ausreichend gewesen sein, um einen messbaren Effekt zu erzielen. Zum anderen spielt der Kontext der prähospitalen Versorgung eine entscheidende Rolle. Faktoren wie Transportdauer, Zeit bis zur definitiven Blutungskontrolle und die Qualität der nachfolgenden innerklinischen Versorgung beeinflussen das Ergebnis maßgeblich.
Darüber hinaus ist denkbar, dass potenzielle Vorteile von Vollblut nur in spezifischen Subgruppen oder Szenarien – etwa bei besonders schwer verletzten Patient: innen oder bei verlängerten Transportzeiten – zum Tragen kommen.
Diese Fragen bleiben aktuell unbeantwortet und stellen wichtige Ansatzpunkte für zukünftige Forschung dar.
Schlussfolgerungen
Die prähospitale (Voll-)Bluttransfusion steht exemplarisch für eine spannende Entwicklung in der modernen Notfallmedizin. Die Zusammenschau der beiden vorgestellten Artikel ermöglicht ein klareres und differenziertes Bild zur aktuellen Evidenzlage für die prähospitale Transfusion von Vollblut bei Hämorrhagie.
- Mortalität: Vollblut scheint aktuell keine „Magic Bullet“ zu sein, die die Sterblichkeit im Vergleich zu einer bereits hochwertigen Komponententherapie (Erythrozytenkonzentrate + Plasma) drastisch senkt. ABER:
- Sicherheit: Vollblut ist sicher. Schwerwiegende Transfusionsreaktionen (akute hämolytische Reaktionen, TRALI, TACO) treten nicht häufiger als bei Komponententherapie auf.
- Praktikabilität: Die Transfusion von Vollblut ist praktikabel und logistisch attraktiv. Ein Beutel statt zwei oder drei bedeutet schnellere Transfusion und weniger Fehlerquellen.
- Effizienz: Die frühzeitige Therapie mit Vollblut reduziert den Bedarf an weiteren Blutprodukten im klinischen Verlauf.
- Versorgungsstrukturen: Prähospitale Bluttransfusionen (Vollblut- oder Komponententherapie) sollten nicht isoliert, sondern im Kontext eines erweiterten (z.T. invasiven) Behandlungsspektrums betrachtet werden.
- Großschadenslagen und militärische Einsätze: Die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg bestätigen uns die Herstellung von Komponenten zur Transfusion schnell derart eingeschränkt ist, dass Vollblut zu einer extrem wichtigen Resource wird. Deshalb sollte wie bereits vom Arbeitskreis Blut des Bundesministeriums für Gesundheit formuliert, der Einsatz von Vollbluttransfusionen für die Bundeswehr ermöglicht und für den zivilen Bereich erwogen werden!
Zusammenfassend lässt sich die aktuelle Evidenzlage am besten so formulieren:
Die prähospitale Transfusion von Vollblut scheint, eine sichere, praktikable und logistisch attraktive, aber bislang nicht nachweislich klinisch überlegene Therapiealternative zur balancierten Komponententherapie zu sein. Besonders im Rahmen von militärischen Konflikten, aber auch bei Großschadenslagen kann die Verfügbarkeit von Vollbluttransfusionen der Komponententherapie überlegen sein.