Ein Gastbeitrag von Marius München, Ulm Während man in den beiden Weltkriegen der Anlage von Tourniquets aufgrund hoher Komplikationsraten infolge prolongierter Anlagedauer eher ablehnend gegenüberstand, entwickelte sich das Tourniquet im Rahmen von Stabilisierungsoperationen – insbesondere in Afghanistan und im Irak – zu einem lebensrettenden Standard. Grund hierfür war die Etablierung schneller Rettungsketten durch Luftüberlegenheit sowie eine schnelle chirurgische Versorgung.
Im Kontext aktueller Konflikte, vor allem des Krieges in der Ukraine, erlebt das Tourniquet jedoch erneut einen Paradigmenwechsel: Limitierte Ressourcen, verlängerte Evakuierungszeiten und unsichere Transportwege rücken potenzielle Risiken wieder stärker in den Fokus.
Vor diesem Hintergrund haben Hofmann et al. in einer retrospektive Beobachtungsstudie Daten kleiner, mobiler chirurgischer Teams (MST, mobile surgical Teams) einer zivilen Hilfsorganisation ausgewertet, die eine Widerstandsgruppe in einem Setting der unkonventionellen Kriegsführung (UW, unconventional warfare) medizinisch unterstützen.
Hofmann LJ et al.
“High and tight to pack and press”: Prioritization of tourniquet conversion in unconventional warfare improves outcomes
J Trauma Acute Care Surg (2026)
Analysiert wurden die Daten von zwei Ereignissen mit einem Massenanfall von Verletzten (MASCAL, Mass Casualty).
Im ersten MASCAL wurden 48 Patient:innen innerhalb von acht Stunden versorgt. Es zeigte sich eine hohe Inzidenz von Extremitätenverletzungen sowie eine häufige Anlage von Tourniquets. Die Evakuierungszeiten bis zur definitiven Versorgung in einem Krankenhaus betrugen vier bis sechs Stunden. Eine Reevaluierung der Tourniquets entlang der Rettungskette erfolgte nicht. In der Folge war bei zahlreichen Patient:innen die Durchführung einer Fasziotomie erforderlich; zudem wurde ein Todesfall beschrieben, der wahrscheinlich im Zusammenhang mit der prolongierten Tourniquet-Anlage stand.
Nach Einschätzung der Verantwortlichen vor Ort führte die fehlende Reevaluation der Tourniquets zu einem Anstieg der Morbidität und Mortalität im Verlauf der Rettungskette. Diese Erkenntnisse führten zu einer Anpassung des Vorgehens beim zweiten MASCAL:
Der Fokus lag nun auf einer frühzeitigen Reevaluation und gegebenenfalls Konversion der Tourniquets, einer verbesserten Koordination der MSTs mit lokalen Kräften sowie dem Einsatz chirurgisch geschulten Personals in unmittelbarer Nähe zum Point of Injury (POI).
Die Daten des zweiten MASCAL wurden in der Studie ausgewertet.
Methodik:
Die retrospektive Beobachtungsstudie wertete Datensätze eines Mobile Surgical Teams (MST) aus. Diese umfassten klinische Dokumentationen, angefertigte Fotoaufnahmen sowie im Nachhinein durchgeführte Interviews. Insgesamt wurden 46 Patient:innen eingeschlossen, von denen sechs als dead on arrival (DOA) klassifiziert und von der weiteren Analyse ausgeschlossen wurden. Die Datenauswertung erfolgte ausschließlich deskriptiv; im Anschluss wurden alle Daten anonymisiert.
Untersuchte Parameter:
- Verletzungsmuster und -lokalisation
- Einsatz und Lokalisation von Tourniquets
- Reevaluation und Konversion der Tourniquets
- Art der Blutstillung (konservativ vs. chirurgisch)
- Kurzzeit-Outcome
Ergebnisse:
Über die Hälfte der Verletzungen (52%) betraf die oberen und/oder unteren Extremitäten. 30% der Patient:innen erhielten ein oder mehrere Tourniquets (insgesamt 14). Es konnten 100% der angelegten Tourniquets reevaluiert und 93% erfolgreich konvertiert werden. In einem Fall war eine erneute Anlage erforderlich.
Bei 69% der Konversionen waren Packing und die Anlage eines Druckverbands zur Blutstillung ausreichend, während in 31% eine chirurgische Intervention notwendig wurde. Dies erfolgte mittels einer Ligatur oder Klemmen eines Blutgefäßes. In einem Fall war die Amputation der betroffenen Extremität erforderlich. Es traten keine Todesfälle infolge von Extremitätenblutungen oder tourniquet-assoziierten Komplikationen auf.
Diskussion:
Unter dynamischen Gefechtsbedingungen ist die liberale Anlage von Tourniquets in der Erstversorgung Verwundeter sinnvoll und häufig unvermeidbar. Problematisch ist jedoch die prolongierte Anlagedauer sowie das Fehlen strukturierter Reevaluationsprozesse.
Die vorliegende Studie zeigt, dass auch unter erschwerten Bedingungen eine Reevaluation und Konversion von Tourniquets möglich ist und dass ein Großteil der Tourniquets nach Reevaluation nicht mehr erforderlich war. In nahezu 70% der Fälle waren einfache Maßnahmen wie Packing oder Druckverbände zur Blutstillung ausreichend. In den Fällen, in denen eine chirurgische Intervention notwendig wurde, handelte es sich überwiegend um einfache Verfahren wie Ligaturen oder das Abklemmen kleinerer Blutgefäße; komplexe gefäßchirurgische Eingriffe waren nicht erforderlich. Trotz prolongierter Transportzeiten traten weder tourniquet-assoziierte Komplikationen noch Todesfälle durch Extremitätenblutungen auf.
Die Ergebnisse legen nahe, dass durch die Implementierung klarer Protokolle zur Reevaluation sowie der Einsatz chirurgisch geschulten Personals in unmittelbarer Nähe zum Point of Injury zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgung beitragen können und damit potenziell Morbidität und Mortalität senken.
Diese Erkenntnisse könnten auch auf zivile Szenarien übertragbar sein, insbesondere bei einem Massenanfall von Verletzten in strukturschwachen Regionen oder bei verlängerten Rettungszeiten.