Umfrage in Notaufnahmen: Das „Warum“ bei niedriger Dringlichkeit…

Hohe Patientenlast, hohe Arbeitsverdichtung, und dann Patienten, die eigentlich zum Hausarzt gehen können… Warum kommen denn die Patienten trotzdem in die Notaufnahme. Dies Frage gingen nun Martin Scherer und Kollegen in einer Umfrage nach:

Scherer M, et al. Patienten in Notfallambulanzen – Querschnittstudie zur subjektiv empfundenen Behandlungsdringlichkeit und zu den Motiven, die Notfallambulanzen von Krankenhäusern aufzusuchen. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 645–52. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0645 (PDF)


Massiv steigende Patientenzahlen in Zentralen Notaufnahmen wurden kontinuierlich in den letzten Jahren berichtet. Daher ist es nur konsequent sich mit dem „Warum“ zu beschäftigen. Interessanterweise gibt es zahlreiche Hinweise, dass sich insbesondere Patienten mit geringer Behandlungsdringlichkeit zunehmend vorstellen. Dies ist tatsächlich ein Problem, da in überfüllten Notaufnahmen dann andere Patienten mit einer höheren Mortalitätsrate schlechter versorgt werden, einer längeren Zeit bis zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Pneumonien und akuten Schmerzen bestehen sowie einer größeren Anzahl von Patienten zu beobachten sind, die (aufgrund der Wartezeit) die Notaufnahmen verlassen, ohne einen Arzt gesehen zu haben.

Ziel der vorliegenden Untersuchung von Scherer et al. mit dem schicken Namen PiNo Nord („Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“) war es Patienten hinsichtlich der Soziodemografie, des Gesundheitszustandes und der Gründe für die Inanspruchnahme einer Notaufnahme zu analysieren.

Methodisch war die Untersuchung als querschnittliche Beobachtungsstudie angelegt, die die Patienten

  • in fünf Kliniken
  • zwei volle Arbeitswochen
  • in der Zeit von 10/2015 bis 07/2016

abbildete. Dies sich vorstellenden volljährigen Patienten (Minderjährige nur, wenn in Begleitung eines Erziehungsberechtigten) wurden in persönlichen Interviews befragt. Fallbegleitend wurden die ärztliche Diagnosen dokumentiert (aber im Artikel selbst nicht berichtet). Ausgeschlossen wurden Patienten gemäss MTS „rot“ mit sofortiger Behandlungsdinglichkeit bzw. Patienten, die ohne Wartezeit versorgt wurden.

Insgesamt konnten so 1.175 Patienten befragt werden (Alter: 42 Jahre, männlich: 53%), davon gaben mehr als die Hälfte (55%) der Patienten eine niedrige Behandlungsdringlichkeit aufzuweisen. Interessanterweise lehnten 1.043 potentielle Studienkandidaten eine Befragung ab.


Die wesentlichen Ergebnisse der Umfrage PiNo Nord:

Patienten mit selbst empfundener niedriger Behandlungsdringlichkeit wiesen im Vergleich zu Patienten mit höherer selbst empfundener Behandlungsdringlichkeit folgende Parameter auf:

  • häufiger ledig (52,1 vs. 39,5 %)
  • häufiger Schüler, Student oder in Ausbildung (17,1 vs. 11,3 %)
  • seltener berentet beziehungsweise in Pension (13,9 vs. 23,2 %) und
  • seltener im Ausland geboren (9,0 vs. 13,5 %)

Die Beschwerdedauer umfasste eine Zeiteinheit von 30 Minuten und 38 Jahren:

  • 28% weniger als 6 Stunden
  • 35% bereits seit drei Tagen oder länger

Beschwerdelokalisation:

  • Bewegungsapparat (36,0 %)
  • Haut (14,1 %)
  • Verdauungssystem (12,0 %)
  • Kreislauf (10,5 %)
  • neurologischer Bereiche (8,5 %)
  • Atmungsorgane (6,8 %)
  • allgemein und unspezifisch (5,7 %)

Wie kamen die Patienten in die Notaufnahmen?

  • 41% kamen auf eigene Initiative in die Notaufnahme
  • 17% auf Empfehlung/Einweisung durch den Hausarzt
  • 8% auf Empfehlung/Einweisung durch einen Fachspezialisten
  • 14% andere Akteure des Gesundheitssystems
  • 11% auf Empfehlung des Ehe-/Lebenspartners
  • 8% auf Empfehlung anderer Angehöriger 
  • 9% auf Empfehlung Bekannter, Nachbarn und Arbeitskollegen

Rettungsdienst und Feuerwehr waren fast allen Patienten bekannt (98%), KV-Praxen (45%) und fahrender kassenärztlicher Bereitschaftsdienst (33%) kannten aber weniger der Befragten.

Warum wurde die Notaufnahme aufgesucht (Mehrfachnennung möglich)?

  • Dringlichkeit der Schmerzen/Beschwerden: 29%
  • Angst vor gefährlichen Ursachen/Verläufen: 18%
  • Dringlichkeit bei Zunahme der Schmerzen/Beschwerden: 10%
  • keine geöffnete Hausarztpraxis: 26%
  • keine geöffnete Facharztpraxis: 14%
  • früher schon mal in diesem Krankenhaus gewesen: 10%
  • Krankenhaus nahe am Wohnort: 8%
  • guter Ruf des Krankenhauses: 6%
  • Notaufnahme bessere diagnostische Möglichkeiten: 8%
  • in Notaufnahme bessere Behandlung: 6%
  • Unkenntnis: 3%

Ursachen für das Aussuchen der Notaufnahme waren bei jedem 4. Patienten Bequemlichkeit, Empfehlungen aus dem sozialen Umfeld und negative Wahrnehmung der Versorgung ausserhalb des Krankenhauses. Nur ein Viertel aller Befragten Patienten wurden durch einen ambulanten Leistungserbringer (Haus- und Facharzt) eingewiesen. Die KV-Versorgungsstruktur wäre weniger als 50% der Patienten geläufig. Geschlossene Praxen waren für die Konsultation der Notaufnahme im 1/3 der Fälle verantwortlich. Kritisch diskutiert wird in dem Artikel von Scherer et al., dass eine Patientenerwartung einer „Rund um die Uhr Versorgung an 7 Tagen der Woche“ besteht.

Prädiktoren für niedrige subjektive Behandlungsdringlichkeit waren:

  • Traumata am Bewegungsapparat (Odds Ratio [OR]: 2,18)
  • Affektionen der Haut (OR: 2,15)
  • Nichtverfügbarkeit einer geöffneten Hausarztpraxis (OR: 1,70)

Mehr als die Hälfte der Patienten wiesen keine subjektiven Behandlungsdringlichkeit auf und sind damit auch nicht als medizinischer Notfall per definitionem anzusehen. Gründe eine Notaufnahme aufzusuchen sind vielfältig und können neben der Dringlichkeit des Gesundheitsproblems auch in wahrgenommenen strukturellen Gegebenheiten und individuellen Patientenpräferenzen liegen.

Die Ergebnisse dieser Studie zeigt vor allem eines, wir sind in Deutschland mit einer Aufklärung des Begriffs „Notfall“ und dem Aufzeigen kassenärztlicher Versorgungskonzepte (z.B. „116117“) noch viel zu schlecht. Möglicherweise helfen hier Aufklärungskampagnen und öffentlichkeitswirksame Schulungen weiter, die Last von Notaufnahmen zu nehmen. Und in all der Diskussion um Overcrowding/Überlastung von Notaufnahmen darf nicht vergessen werden, die medizinische Versorgung in Deutschland ist dazu da Patienten zu helfen, Schmerzen/Beschwerden zu lindern, Patienten Angst zu nehmen und zu beraten. Also es gibt viel anzupacken, am besten wir fangen jetzt damit an!



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