Schockzeichen bei isoliertem Schädel-Hirntrauma

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Wenn man den klinischen Verlauf von Traumapatienten, die man prähospital versorgt hat, nachverfolgt, fällt immer wieder auf, dass bei Patienten, wo man aufgrund der Vitalparameter einen hämorrhagischen Schock vermutet hat, letztlich keinerlei Blutung vorlag, häufig war dann das Schädel-Hirntrauma (SHT) die führende Verletzung.

Dies verunsichert zum Einen hinsichtlich der eigenen diagnostischen Fähigkeiten, zum Anderen haben die beiden Traumafolgen sehr unterschiedliche Therapiekonzepte. Während beim hämorrhagischen Schock eine permissive Hypotension, Flüssigkeitsrestriktion und ggf. der frühzeitige Einsatz von Blutprodukten indiziert ist, sind beim SHT die Stabilisierung des cerebralen Perfusionsdrucks und ggf. Narkoseeinleitung und Beatmung sinnvoll.

Diesem Phänomen wurde nun in einer aktuellen Studie nachgegangen.

Gavrilovski M et al.: Isolated traumatic brain injury results in significant pre-hospital derangement of cardiovascular physiology. Injury 2018; 49:1675-9

  • retrospektive Fallserie einer Luftrettungsorganisation in England
  • Januar 2015 bis Dezember 2016
  • eingeschlossen wurde alle Traumapatienten in diesem Zeitraum, die klinisch Zeichen eines SHT aufwiesen, prähospital intubiert wurden und letztlich die CT-Diagnostik ein isoliertes SHT ergab
  • n=121 Patienten mit isoliertem SHT
  • 68/121 (56%) der Patienten mit isoliertem SHT waren hämodynamisch stabil vor der Narkoseeinleitung
  • 53/121 (44%) der Patienten mit isoliertem SHT waren hämodynamisch instabil vor der Narkoseeinleitung (Herzfrequenz >100/min und/oder systolischer Blutdruck <100 mmHg)
  • 14 Patienten (12%) wiesen eine Hypotension (systolischer Blutdruck <100mmHg) mit oder ohne Tachykardie auf
  • 10 dieser Patienten (8%) erhielten prähospitale Bluttransfusion

Fast die Hälfte der Patienten mit isoliertem SHT weist also gemäß dieser kleinen Fallserie klinisch Schockzeichen auf. Was bedeutet das für die Praxis?

  • Die Stabilisierung des cerebralen Perfusionsdrucks bei SHT ist eine der ganz zentralen Aufgaben in der prähospitalen Notfallmedizin und selbst bei isoliertem SHT häufig notwendig.
  • Klinische Schockzeichen bei Vorliegen von Zeichen eines SHT lassen nicht unbedingt auf eine Hämorrhagie schließen, auch ein isoliertes SHT kann eine hämodynamische Instabilität verursachen.

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