Sauerstoff beim Herzinfarkt: Hilfreich oder schädlich?

„Love is like Oxygen: You get too much you get too high, Not enough and you´re gonna die“
The Sweet, 1978

Mit diesem Zitat beginnt ein aktueller Kommentar von Nick Fittermann in JAMA Internal Med:

Fittermann N. Why Oxygen Is Not Necessary for All STEMIs. JAMA Intern Med 2017; 177: 267-268

Dieser Kommentar wird von einem Editorial von Maxime Cormier und Todd C. Lee begleitet mit dem Titel:

Cormier M, Lee TC:  Chest Pain and Supplemental Oxygen. Too Much of a Good Thing? JAMA Intern Med 2017; 177: 266-267


Eigentlich haben wir alle gelernt: „Brustschmerz = Sauerstoffapplikation“. Jedoch wird dieses Vorgehen  zunehmend kritisch diskutiert, wohlgemerkt bei nomoxämischen Patienten. Hiebei geht es um die Wirkung von Sauerstoff beim akuten Myokardinfarkt: Vor dem Hintergrund der bestehenden Evidenz  sollte heutzutage eher vorsichtig mit der Sauerstoffgabe beim akuten ST-Hebungsinfarkt umgegangen werden:

  • Sauerstoff führt zu keiner Optimierung der Hämodynamik oder der Symptomatik (AVOID-Studie)
  • Sauerstoff kann beim STEMI zu einer Zunahme der Infarktgröße, Arrhythmiehäufigkeit und kardialen Biomarker führen (AVOID-Studie).
  • Sauerstoff führt nicht zu einer Reduktion des Schmerzes (300-patient OXYPAIN trail)
  • Sauerstoff kann die Mortalität bei STEMI-Patienten erhöhen (Cochrane Review)

Als ursächlich für diese Ergebnisse wissenschaftlicher Studie könnten folgende Effekte des Sauerstoffs sein:

  • Erhöhung des koronaren Gefäßwiderstandes durch koronare Vasokonstriktion
  • Reduktion des koronaren Blutflusses
  • Freisetzung von reaktiven Sauerstoffradikalen mit der Folge eines oxidativen Stress und arrhythmogener Wirkung

Nachgewiesen wurde, dass Sauerstoff auch negative hämodynamische Effekte haben kann, dies liegt begründet in einer Verschlechterung der kardialen Funktion, verursacht durch eine Zunahme der Ischämie, Reduktion des kardialen Output, Zunahme des systematischen Gefäßwiderstandes und Zunahme eines Reperfusionsschadens.

Ein Nebeneffekte des Verzichts von Sauerstoff bei normoxämischen STEMI-Patienten ist auch der Reduktion der Kosten: 1 h Sauerstofftherapie soll mit 12$ assoziiert sein. In den USA könnte bei Einsparung der („unbegründeten“) Sauerstoffgabe rund 98 Mio. $ jährlich eingespart werden

Cave: Dabei ist jedoch die Sauerstoffgabe beim normooxämischen Patienten gemeint, also bei einem Patienten der keine Hypoxie in der pulsoxymetrischen Sauerstoffsättigung aufweist.

Die AHA Guidelines empfehlen daher heute die Gabe von Sauerstoff nur noch bei Hypoxämie. In der AVOID-Studie wurde eine Sauerstoffgabe erst ab einer Sauerstoffsättigung von <94% mit Ziel einer SpO2 von 94% empfohlen. Aktuell läuft eine weitere große Untersuchung zu diesem Thema, z.B. die DETO2X-AMI Studie (Studienprotokoll, Präsentation, Studienregistrierung). Warten wir einmal diese Ergebnisse ab. Schon so manch eine Entwicklung in der Medizin hatte ja einen Sinuswellen-artigen Verlauf (z.B. Intensivierte Insulintherapie).


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