Leitlinien-Empfehlungen zu Unfällen beim Canyoning

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Canyoning erfreut sich in den vergangenen Jahren immer größerer Beliebtheit.

Die medizinische Kommission der internationalen Kommission für Bergrettung (ICAR MEDCOM) hat aktuell erstmalig Leitlinien für das prähospitale Management von Patienten bei Canyoning-Unfällen veröffentlicht.

Strapazzon G et al. International Commission for Mountain Emergency Medicine Consensus Guidelines for on-site management and transport of patients in canyoning incidents. Wilderness Envir Med 2018, online first.


Im Folgenden sollen die wichtigsten Empfehlungen kurz zusammengefasst werden. Um die oft etwas abstrakten Empfehlungen etwas anschaulicher zu machen, wurden teilweise praktische Beispiele als Ergänzung eingefügt.

  • Die Bedeutung von spezifischer Ausbildung, kontinuierlichem Training wird mit einer Klasse 1B-Empfehlung betont, ebenso wie eine einsatzspezifische Risikobewertung und Risikomangement (Klasse 1C).
    Insbesondere das regionale Wetter und Niederschläge im Einzugsbereich des Einsatzortes müssen berücksichtigt werden. Betreiber von Stau-Anlagen im Einzugsbereich müssen informiert werden.

 

  • Das Airwaymanagement muss an die logistischen Bedingungen und die Umweltbedingungen angepasst werden (Klasse 1C).
    Die Rettung eines intubierten und beatmeten Patienten aus einer Schlucht (egal ob terrestrisch oder per Winden/Longline-Aktion) ist mit enormen Risiken verbunden. Daher sind die Indikationen für eine endotracheale Intubation noch am Unfallort äußerst kritisch zu überdenken und noch zurückhaltender zu stellen als bei anderen Einsätzen.

 

  • Der Einsatz von Defibrillatoren in feuchter Umgebung ist nicht kontraindiziert (Klasse 1A).

 

  • Primary und secondary survey sollten mit angelegtem Neopren-Anzug erfolgen. Falls für Interventionen oder zur Blutungskontrolle notwendig sollte kurz der Reißverschluss geöffnet werden bzw. ein einzelner longitudinaler Schnitt erfolgen (Expertenempfehlung).
    Das Öffnen des Neopren-Anzugs führt zu massivem zusätzlichem Wärmeverlust. Ein longitudinaler Schnitt kann nach erfolgreicher Intervention (z.B. i.v.-Zugang, Thoraxdrainage) z.B. durch Fixierbinden oder Tapes wieder rasch geschlossen werden.

 

  • Die Schienung und Stabilisierung von Luxationen und Frakturen mit speziell auf die feuchten Umgebungsbedingungen angepasstem Material sollte regelmäßig trainiert werden (Klasse 1C). Die Reposition von Luxationen und Frakturen muss beherrscht werden (Klasse 1C).
    Bezüglich der (recht häufigen) Schulterluxation und der umstrittenen Frage der prähospitalen Reposition stellen die Leitlinien fest: „Therefore, despite concerns about safety, reduction should be considered viable at the scene if trained providers of medical care are present. Less than 1% of patients 20 to 30 years old with a shoulder dislocation also have a fracture. Risk can be further mitigated by evaluating clinical factors that predict the presence of a fracture.“
    Im Unterschied zum „normalen“ Gelände, wo von prähospitalen Repositionsversuchen abgesehen werden sollte, kann in diesem speziellen Gelände mit langen Prähospitalzeiten und komplizierter Rettung nach Risiko-Nutzen-Abwägung eine prähospitale Reposition sinnvoll sein.

 

  • Alternativen zur intravenösen Medikamentengabe (z.B. oral, intramuskulär, subkutan, transmukosal) müssen unter Berücksichtigung des Zustands des Patienten und der logistischen Bedingungen bedacht werden (Klasse 1C).
    Es ist teilweise notwendig, Patienten durch Wasser oder Wasserfälle zu transportieren. Hier ist ein i.v.-Zugang aufgrund der problematischen Fixierung bei Nässe nicht gut geeignet.

 

  • Wunden sollten gesäubert und gespült werden, um die Infektionsgefahr zu reduzieren (Klasse 1A). Eine systemische Antibiotika-Prophylaxe sollte bei offenen Frakturen (Klasse 1A) und schweren Wunden (Experten-Konsensus) appliziert werden.
    Die Begründung für diese Empfehlung dürfte sein, dass Rettungen bei Canyoning-Unfällen oft sehr zeitaufwändig sind und unter diesen speziellen Umgebungsbedingungen auch in Europa die Gefahr von Zoonosen besteht.

 

In dem lesenswerten Beitrag finden sich noch einige weitere Empfehlungen für dieses spezielle Einsatzgebiet.


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