Blast injury statt CO2-Narkose

CSS HunleyJahrelang gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Besatzung eines der ersten U-Boote 1863 an einer CO2-Narkose verstorben ist. Auch ich selbst nutzte die Geschichte gern und häufig, um Studenten und Kollegen die Bedeutung der Capnometrie zu erläutern; wurde doch dieses Verfahren zur Messung des Kohlendioxids (CO2) erst viele Jahre später von dem deutschen Ingenieur Luft entwickelt und brachte den U-Booten der deutschen Marine den Vorteil von längeren Tauchfahrten.

Doch diese Theorie wird nun von Kollegen in einem aktuellen Artikel in PlosONE wiederlegt.

Lance RM, Stalcup L, Wojtylak B, Bass CR.

Air blast injuries killed the crew of the submarine H.L. Hunley.

PLoS ONE 2017; 12(8): e01 82244–20 

http://doi.org/10.1371/journal.pone.0182244


Doch nun zur Geschichte:

Die CSS Hunley wurde 1863 während des Amerikanischen Bürgerkrieges von der Südstaatenmarine gebaut und versenkte als erstes Unterwasserfahrzeug in der Marinegeschichte ein feindliches Schiff.

Die Schraube des 12m langen Kleinst-U-Boots wurde von der neunköpfigen Mannschaft mittels Handkurbeln angetrieben. Der Torpedo war am Bug des U-Bootes befestigt und wurde bei voller Fahrt in den Schiffskörper der USS Housatonic gerammt. Dieses Schiff der Nordstaatenmarine blockierte zu diesem Zeitpunkt die Hafenzufahrt von Charlston in South Carolina. Der Torpedo wurde bei der anschließenden Rückwärtsfahrt durch einen Seilzug zur Explosion gebracht.

Von diesem Einsatz kehrte die Crew jedoch nie zurück. Erst 1995 – also mehr als 100 Jahre später – wurde die Hunley im Schlick des Hafenbeckens geortet und im Jahr 2000 schließlich geborgen. Die Crew saß noch an ihren Plätzen. Deshalb ging man davon aus, die Schiffleute seien unter Hypoxie und Hyperkapnie beim Kurbeln eingeschlafen, da die Frischluft rechnerisch nur für etwa 20 Minuten gereicht hätte.

Ein Forscherteam der Duke University Durham bezweifelte diese These da die Männer nicht alle zum selben Zeitpunkt eingschlafen wären und der ein oder andere auf irgendeine Weise reagiert hätte anstatt an der Handkurbeln sitzen zu bleiben. Aus diesem Grund baute das Team ein mit Sensoren bestücktes Modell der Hunley und prüfte die Auswirkungen der Detonation in einem Testbecken. Im Ergebnis gehen die Forscher davon aus, dass die von der Detonation ausgelöste Druckwelle zwar nicht ausreichte, um die Bordwand des U-Bootes zu beschädigen. Im Inneren der Hunley verursachten die starke Druckunterschiede Barotraumen der Lunge und vermutlich des Gehirns, welche die Besatzung unmittelbar sterben ließ, ohne Spuren am Skelett zu hinterlassen.

Damit starb die Besatzung nicht wie viele Jahre angenommen an einer CO2-Narkose, sondern am Blast injury.


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