Neue internationale Sepsis-Leitlinien 2021 – Eine Zusammenfassung

In der Fachzeitschrift Anästhesiologie & Intensivmedizin gibt es im OPEN ACCESS Format immer wieder sehr lesenswerte Artikel. Hier ein Artikel zum Update der Surviving Sepsis Campaign aus dem Oktober 2021 zur Behandlung von Sepsis und septischem Schock. Der vorliegende Artikel fasst die wichtigsten Veränderungen zusammen und stellt sie der Vorgängerversion der SSC-Leitlinie von 2016 sowie den Empfehlungen der Deutschen Sepsis Gesellschaft (DSG) aus dem Jahr 2018 gegenüber. Die meisten Änderungen betreffen Formulierungsnuancen, sodass die entsprechenden Empfehlungen im Wortlaut gegenübergestellt werden. Bemerkenswerte Änderungen sind darüber hinaus das Abrücken vom qSOFA als empfohlenes Screeningwerkzeug, die Nennung der Rekapillarisierungszeit als primären Zielparameter für die Steuerung der Flüssigkeitstherapie und die Abkehr von der routinemäßigen kalkulierten Kombinations-(Antiinfektiva-)Therapie bei septischem Schock.

Schmoch T, Brenner T, Weigand MA: Neue internationale Sepsis-Leitlinien 2021 – Was ist neu – was bleibt gleich? Anästh Intensivmed 2022;63:123–128. DOI: 10.19224/ai2022.123 (PDF)

Insgesamt gibt es also wenig wirklich Neues in der neuen internationalen Behandlungsleitlinie für Sepsis und septischen Schock der SSC. Die Änderungen liegen im Wesentlichen im Detail. Die Bevorzugung von balancierten Kristalloiden gegenüber Kochsalzlösung ist eine kleine Revolution in der angloamerikanischen Leitlinie. Der SSC gelingt in ihrer Guideline zudem sehr gut der Spagat zwischen der Betonung der Zeitdringlichkeit des medizinischen Notfalls „Sepsis“ einerseits und andererseits der Einräumung der Möglichkeit einer erweiterten Diagnostik bei Zweifeln an der infektiösen Ursache der Erhöhung des SOFA-Scores. Eine solche erweiterte Diagnostik soll jedoch zielgerichtet, möglichst inner- halb eines Zeitfensters von 3 Stunden erfolgen. Ziel ist es, eine antiinfektive Übertherapie bei Patienten zu vermei- den, die ein Organversagen haben, dass nicht auf eine Sepsis zurückzuführen ist. Patienten mit V. a. septischen Schock sind von dieser Empfehlung explizit ausgenommen, sie sollten in jedem Fall innerhalb einer Stunde eine antiinfektivie Therapie erhalten. Die Alltagstauglichkeit dieser Empfehlung sollte allerdings trotzdem engmaschig in jedem Haus überprüft werden, da sie das Risiko birgt, dass aufgrund eines „vermeintlich“ geringeren Zeitdrucks die Erstgabe einer antiinfektiven Therapie auch bei Patienten mit Infektion und Organversagen (= Sepsis) deutlich verzögert wird. Auch Patienten mit Sepsis haben unter idealen Therapiebedingungen eine Sterblichkeit von etwa 10 %. Eine deutlich über die 3-Stunden-Marke hinaus verlängerte Wartezeit bis zur ersten kausalen Therapie birgt die Gefahr, die Letalität dieser Patienten zu erhöhen. Darüber hinaus beschränken sich die Änderungen in der Neuauflage der SSC- Leitlinie 2021 im Wesentlichen auf Details der Evidenzbeschreibung und Nuancen in der Formulierung. Überraschend klar ist hingegen die Ablehnung der intravenösen Vitamin C-Gabe angesichts der durchaus widersprüchlichen Evidenzlage. Insgesamt gelingt der SSC ein sinnvolles Update zur richtigen Zeit.

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