Automatische EKG-Interpretation: Nützliche Hilfe oder Stolperfalle?

Ein Gastbeitrag von Dr. Felix F. Girrbach, Leipzig: 

Nahezu jedes moderne EKG-Gerät ist mit einer automatischen EKG-Interpretation ausgestattet, um die Analyse des 12-Kanal-EKGs zu unterstützen und zu beschleunigen. Diese können jedoch dazu verleiten, als „Normalbefund“ deklarierte EKGs nur oberflächlich zu interpretieren und damit potenziell lebensbedrohliche Befunde zu übersehen. Dem Nutzen und Risiko der automatischen EKG-Analyse sowie klassischen Stolperfallen haben sich kürzlich Schläpfer und Wellens in einem Übersichtsartikel gewidmet:

Schläpfer J, Wellens HJ. Computer-interpreted Electrocardiograms. Benefits and Limitations. J Am Coll Cardiol 2017;70:1183-92.


Hier die wesentlichen, notfallmedizinisch relevanten Punkte:

  • Amplituden und Zeiten sind generell zuverlässiger durchführbar als Aussagen, die von der Wellenform (z.B. Repolarisation) abhängen oder das Verhältnis zwischen verschiedenen Wellen (z.B. atrioventrikuläre Überleitungsstörungen) betreffen
  • Die häufigsten Fehlinterpretationen betreffen Arrhythmien, Leitungsstörungen und Schrittmacherrhythmen
  • Die falsch positive Rate bei der Detektion von Vorhofflimmern beträgt 9,3-19 %. Am häufigsten wird ein Sinusrhythmus /-tachykardie mit supraventrikulären Extrasystolen fälschlicherweise als absolute Arrhythmie deklariert.
  • Je nach dem im Gerät hinterlegten Interpretationsalgorithmus beträgt die falsch positive Rate bei der Detektion eines STEMIs 0-42 %, die falsch negative Rate 22-42 %, d.h. in bis zu 42 % der Fälle wird ein STEMI durch die automatische EKG-Interpretation nicht erkannt! Den falsch positiven Befunden liegen dagegen häufig Artefakte sowie nicht-ischämische Ursachen von ST-Hebungen (frühe Repolarisation) zugrunde.
  • Ein prolongiertes QT-Intervall wird in bis zu 52,5 % der Fälle nicht korrekt als solches detektiert.

Eine falsche Interpretation des EKGs durch den Computer kann dabei die therapeutischen Entscheidungen des behandelnden Arztes beeinflussen. Geschätzt sind diesen Fehldiagnosen weltweit jährlich bis zu 10.000 unerwünschte Ereignisse und vermeidbare Todesfälle anzulasten!

Die Autoren folgern deshalb, dass weiterhin jedes EKG unabhängig von der automatischen Interpretation systematisch durch trainiertes medizinisches Personal interpretiert werden muss.


P.S. Eine häufige Fehlerquelle bei der manuellen Interpretation des 12-Kanal-EKGs betrifft übrigens die Ableitung aVR, die bei der Interpretation oft ignoriert wird. Dieses Phänomen und die klinische Bedeutung dieser Ableitung beschreiben George et al.:

George A, et al. aVR – the forgotten lead. Exp Clin Cardiol 2010;15(2):e36-44



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