Die Bougie-Studie

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Schweiz/Bern:

Notfallintubation mit Bougie oder mit Führungsstab? Über diesen Punkt wird immer wieder diskutiert und die Studienlage bisher ist nicht eindeutig. Nun wurde ganz aktuell eine große randomisierte Studie im JAMA veröffentlicht.

Diese kann „open access“ unter folgender DOI aufgerufen werden: 10.1001/jama.2021.22002

Driver BE et al. Effect of Use of a Bougie vs Endotracheal Tube With Stylet on Successful Intubation on the First Attempt Among Critically Ill Patients Undergoing Tracheal Intubation. A Randomized Clinical Trial. JAMA 2021

Die Studie kurz zusammengefasst:

Methodik:

  • randomisiert kontrollierte Studie
  • 7 Notaufnahmen und 8 Intensivstationen in den USA
  • 556 Patienten wurden mit Hilfe eines Bougie intubiert, 546 unter Nutzung eines Führungsstabes („Stylet“)
  • Untersuchungszeitraum: April 2019 bis Februar 2021 (pausiert während der Corona-Pandemie in den USA von Februar 2020 bis August 2020)
  • Einschlusskriterien: alle notfallmäßigen Intubationen mit Sedierung unter Einsatz eines nicht-hyperangulierten Spatels (Macintosh oder Miller)
  • Ausschlusskriterien: Schwangerschaft, Einsatz eines hyperangulierten Spatels etc.
  • primärer Outcomeparameter: first pass success-Rate (FPS)
  • sekundärer Outcomeparamter: schwere Hypoxämie (Abfall der Sauerstoffsättigung <80% bis 2 min nach der Intubation)

Ergebnisse:

  • 99,6% der eingeschlossenen Patienten konnten evaluiert werden
  • FPS mit Bougie: 80,4%, mit Stylet 83,0% (keine Signifikanz)
  • schwere Hypoxämie: 11% in der Bougie-Gruppe, 8,8% in der Stylet-Gruppe (keine Signifikanz)
  • ösophageale Fehlintubation: 0,7% mit Bougie, 0,9% mit Stylet (keine Signifikanz)
  • Verletzungen im Mund, Rachen, Kehlkopf oder Thorax: 0 mit Bougie, 0,5% mit Stylet (keine Signifikanz)
  • Zeit von Narkose-Einleitung bis Intubation im Median: 124 s (Interquartilenabstand: 97-180 s) mit Bougie, 112 s (85-157) mit Stylet (statistisch signifikant!)

Schlussfolgerung:

  • die Autoren schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass der Einsatz eines Bougie zur notfallmäßigen trachealen Intubation im Vergleich zum Führungsstab keinen Vorteil bringt

Fazit für die Praxis:

Bringt der Bougie also wirklich nichts? Leider beantwortet auch diese Studie die Frage nicht wirklich. Auch wenn es mit Sicherheit die beste Studie ist, die bisher zu diesem Thema existiert, kann man die Ergebnisse nicht verallgemeinern. Die Intubierenden (zu 62% Assistenzärzte, zu 33% Fachärzte) hatten eine sehr geringe Erfahrung in der trachealen Intubation. Leider findet man diese Information nur im Supplement. Im Median hatten sie nur 60 mal zuvor einen Patienten tracheal intubiert (Interquartilenabstand 35-100), mit Bougie hatten sie zuvor sogar nur im Median 10 mal intubiert (IQR 4-20). Dass mit dieser geringen Erfahrung in der Bougie-assistierten Intubation, das Device einen möglichen Vorteil nicht „ausspielen“ kann, ist eigentlich zu erwarten. Auch war in der Studie der Bougie nicht mit dem Tubus „vorgeladen“, sondern wurde „solo“ eingeführt und dann der Tubus durch eine Assistenzperson eingefädelt. Dies erklärt möglicherweise die 12 Sekunden längere Intubationsdauer mit Bougie.

Wenn das gesamte Team ausreichend Erfahrung in der Bougie-assistierten Intubation hat und beispielsweise der Bougie im Standard vorgesehen wird, kann der Bougie eventuell doch Vorteile bieten. Dies legt zumindest eine weitere aktuelle Studie zum Thema Bougie aus den USA nahe:

Latimer AJ et al. Routine Use of a Bougie Improves First-Attempt Intubation Success in the Out-of-Hospital Setting. Ann Emerg Med 2021; 77:296-304, https://doi.org/10.1016/j.annemergmed.2020.10.016

Diese Studie werden wir in einem weiteren Blog-Beitrag präsentieren.

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