Strukturierte Patientenübergaben– fakultativ oder obligater Standard?

Ein Gastbeitrag von Dr. Mark Michael, Düsseldorf: 

In vielen Kursformaten, Simulationstrainings und Fachliteratur wird über strukturierte Übergaben im Sinne eines gelebten Crew Ressource Management (CRM) berichtet und deren Anwendung gelehrt. Hierbei gibt es verschiedene Akronyme und Schemata, die eine strukturierte Übergabe ermöglichen, Informationsverlust vermeiden sollen und ein einheitliches Vorgehen bei der Patientenübergabe an einer Schnittstelle (Rettungsdienst – Klinik oder innerklinische, z.B. ZNA – ICU oder OP – ICU) erleichtern.

In einer aktuellen Übersicht sind verschiedene Konzepte zusammengefasst:

Rossi R. Konzepte für eine strukturierte Patientenübergabe. Notfall Rettungsmed 2020; 23:93–98. https://doi.org/10.1007/s10049-019-0599-8

Erkenntnisse über den Nutzen strukturierter Übergaben in der Patientenversorgung werden vorgestellt, insbesondere um eine optimale Patientensicherheit gewährleisten zu können. Zahlreiche, behandlungsrelevante Informationen können insbesondere in Notfallsituationen, bei häufigen Personalwechseln und bei unstrukturierten Übergaben verloren gehen und damit die weitere Versorgung des Patienten gefährden. Nicht zuletzt hat die WHO die Standardisierung des Übergabeprozesses als wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Patientensicherheit empfohlen.

Der Autor stellt im Folgenden verschiedene, international etablierte Übergabekonzepte vor:

  • ASHICE (Age, Sex, History, Injuries/Illness, Conditions, Events):
    zur telefonischen Voranmeldung genutztes Akronym aus UK/Irland
  • SOAP (Subjective [Anamnese], Objective [Befunde], Assessment [Analyse und Zusammenfassung], Plan [empfohlene Maßnahmen]:
    einfaches Übergabeschema für alle präklinschen/klinischen Bereiche
  • I-PASS (Introduction [Vorstellung Funktion/Person], Patient [relevante Daten], Assessment [Befunde, Anamnese], Situation [Situation vor Ort, Versorgung], Safety [sicherheitsrelevante Zusatzinformationen]: Universelles Übergabetool, erweiterte Version „I-PASS the Baton“
  • IMIST (Identifikation [Patient], Mechanismus [Verletzung bzw. Beschwerden], Injuries/Illness [Erkrankungen/Verletzungen], Signs/Symptoms [Vitalwerte und [Therapieansprechen]: Ergänzt um zweiten Teil:
    AMBO (Allergien, Medikamente, Background [Vorerkrankungen], Other informationen [weitere Informationen]
  • 4P (Purpose [Grund], Picture [Bild], Plan, Part [Aufgaben]:
    Universelles Übergabetool, telefonisch oder bei Patientenübergabe
  • SBAR (Situation [Hauptsymptom, Zustand], Background [Vorerkrankungen, Nebendiagnosen], Assessment [Vitalfunktionen, aktuelle Probleme], Request/Read back/Risks/Recommendation):
    Effektives, weit verbreitetes, von WHO und DGAI empfohlenes Schema
  • 5-Finger-Methode (Daumen [Patient], Zeigefinger [Grund, Situation, Befunde], Mittelfinger [Vorerkrankungen, Medikation], Ringfinger [aktueller Zustand: Vitalwerte], kleiner Finger [Planung: erforderliche Maßnahmen]:
    entspricht inhaltlich dem SBAR/ISOBAR-Schema

Der Autor führt das iSOBAR als universelles, praxistaugliches Übergabeschema auf, in das sich auch etablierte notfallmedizinische Akronyme wie das ABCDE oder SAMPLER integrieren lassen. Insofern lässt der Autor den Schluss zu, dass mit dem iSOBAR-Übergabeschema ein empfehlenswertes Tool sowohl für die telefonische Voranmeldung von Notfallpatienten als auch die Übergabe im Schockraum (Schnittstelle Rettungsdienst/Klinik) vorliegt.

Fazit: Strukturierte Übergaben sollten in der Notfallmedizin sowohl an der Schnittstelle Rettungsdienst/Klinik als auch innerklinisch zum obligaten Standard jeder Patientenübergabe und bei Teamwechseln gehören. Standardisierte Übergaben können die Patientensicherheit nachweislich erhöhen und sind für den Informationsfluss essentiell.

Welches Tool angewandt wird, hängt von lokalen Gegebenheiten ab und sollte jeder Rettungsdienstbereich/jede Klinik ein passendes Schema übernehmen. Das iSOBAR-Übergabeschema bietet viele Vorteile, ermöglicht weitere Übergabestandards wie das ABCDE oder SAMPLER zu integrieren und kann sowohl für die telefonische Voranmeldung von Notfallpatienten als auch bei der Übergabe im Schockraum genutzt werden.

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