Notfallnarkose – Damit die Narkose nicht zum Notfall wird …

DGAI_HE_KurversionDer wissenschaftliche Arbeitskreis Notfallmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat 2013 die Arbeitsgruppe „Notfallnarkose“ ins Leben gerufen. Nach zweijähriger Arbeit wurde am 12.03.2015 die vorliegende Handlungsempfehlung „Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen“ beschlossen (PDF). Parallel wurde diese DGAI-Handlungsempfehlung mit Zustimmung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bei der awmf als S1-Leitlinie angemeldet und erhielt nachfolgend diesen Status.

 

Bernhard M, Bein B, Böttiger BW, Bohn A, Fischer M, Gräsner JT, Hinkelbein J, Kill C, Lott C, Popp E, Roessler M, Schaumberg A, Wenzel V, Hossfeld B. Handlungsempfehlung: Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen. Anästh Intensivmed 2015; 56: 317-335

Die Notfallnarkose, Atemwegssicherung und Beatmung sind zwar selten aber zentrale therapeutische Maßnahmen in der Notfallmedizin. Daher ist zu fordern, dass ein Notarzt unabhängig von der Fachrichtung die Fähigkeit besitzt, selbstständig die Notfallnarkose bei verschiedenen Verletzungsmustern, Krankheitsbildern und Risiken auch unter den prähospital erschwerten Bedingungen sicher durchzuführen.

Unter diesem Aspekt erscheint für alle notärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen und das nicht-ärztliche Rettungsdienstfachpersonal eine Empfehlung hilfreich, die eine sichere Vorgehensweise bei der Notfallnarkose unter den komplexen Bedingungen im Notarztdienst beschreibt und geeignete Narkosemedikamente unter Berücksichtigung verschiedener Patientenkollektive vorschlägt. Natürlich können die hier aufgezeigten Aspekte auch bei der frühen innenklinischen notfallmedizinischen Versorgung im Schockraum oder in anderen akutmedizinischen Behandlungsbereichen Anwendung finden.


Die zentralen Handlungsempfehlungen sind:

  • Kritische Überprüfung der Indikationsstellung zur prähospitalen Notfallnarkose vor dem Hintergrund von patienten-, einsatz- und anwenderbezogenen Faktoren.
  • Rapid Sequence Induction mit Präoxygenierung, standardisiertem Vorgehen bei der Notfallnarkose mit Vorbereitung von Narkose-/Notfallmedikamenten und Atemwegs- und Beatmungsequipment, Standardmonitoring, Gefäßzugängen, Medikamentenapplikation, passagerer Aufhebung einer (evtl. bestehenden) HWS-Immobilisation unter konsequenter manueller Inline-Stabilisation während des Intubationsmanövers, Atemwegssicherung und obligate Tubuslagekontrolle mittels Kapnographie.
  • Präoxygenierung bei jedem spontanatmenden Notfallpatienten für einen Zeitraum von 3-4 min mit 12-15 l Sauerstoff/min und dichtsitzender Gesichtsmaske mit Sauerstoffreservoir oder Demand-Ventil bzw. nicht-invasiver Beatmung (NIV/CPAP)
  • Standardisierte Vorbereitung von Narkose- und Notfallmedikamenten, Beatmungsbeutel mit Reservoir oder Demandventil inkl. Maske, Endotrachealtubus inkl. Blockerspritze, Führungsstab und Fixation, Vorhaltung alternativer Atemwegsinstrumente, Stethoskop, Check von Absaugvorrichtung, Beatmungsgerät und Standardmonitoring inkl. Kapnographie.
  • Standardmonitoring bei der prähospitalen Notfallnarkose umfasst Elektrokardiogramm, automatische Blutdruckmessung, pulsoxymetrische Sauerstoffsättigung und Kapnographie.
  • Obligate Kapnographie zur Tubuslage-, Diskonnektions- und Dislokationskontrolle sowie zum indirekten Monitoring der Hämodynamik.
  • Möglichst zwei periphervenöse Verweilkanülen vor Narkoseeinleitung.

Die wesentlichen Inhalte auf den Punkt gebracht:

Die primären Ziele der Notfallnarkose sind Hypnose, Analgesie, Schaffung einer Möglichkeit zu Oxygenierung und Ventilation durch Toleranz der Atemwegssicherung. Sekundäre Ziele der Notfallnarkose sind Amnesie, Anxiolyse, Reduktion von Sauerstoffverbrauch und Atemarbeit, Protektion vitaler Organsysteme sowie Vermeidung sekundärer myokardialer und zerebraler Schäden. Eine solide und kritische Überprüfung der Indikationsstellung zur prähospitalen Notfallnarkose hat vor dem Hintergrund von patienten-, einsatz- und anwenderbezogenen Faktoren zu erfolgen. Die Einleitung einer Notfallnarkose als Rapid Sequence Induction beinhaltet die Präoxygenierung, ein Standardmonitoring, eine standardisierte Vorbereitung der Notfallnarkose (Narkose-/Notfallmedikamente, Atemwegs- und Beatmungsequipment), die Medikamentenapplikation, (wenn nötig) die passagere Aufhebung einer Immobilisation der Halswirbelsäule  mittels konsequenter manueller Inline-Stabilisation während des Intubationsmanövers sowie die Atemwegssicherung und die absolut obligatorische Tubuslagekontrolle mittels Kapnographie. Die Präoxygenierung sollte bei jedem spontanatmenden Notfallpatienten für einen Zeitraum von mindestens 3-4 min mit dichtsitzender Gesichtsmaske mit Sauerstoffreservoir und einem Flow von 12-15 l Sauerstoff/min oder mit Beatmungsbeutel und Demand-Ventil mit 100% Sauerstoff erfolgen. Alternativ kann die Präoxygenierung auch mittels nicht-invasiver Beatmung mit 100% Sauerstoff durchgeführt werden. Die standardisierte Narkosevorbereitung umfasst das Aufziehen und die Kennzeichnung der Narkose- und Notfallmedikamente, die Kontrolle des Beatmungsbeutels inkl. Maske, die Vorbereitung eines Endotrachealtubus inkl. Blockerspritze mit einliegendem Führungsstab, Stethoskop und Fixierungsmaterial, die Bereitstellung alternativer Instrumente zur Atemwegssicherung sowie den Check von Absaugvorrichtung, Beatmungsgerät und Standardmonitoring inkl. Kapnographie. Als Standardmonitoring zur prähospitalen Notfallnarkose sollen das Elektrokardiogramm, die automatische/manuelle Blutdruckmessung und die Pulsoxymetrie zur Anwendung kommen. Eine kontinuierliche Kapnographie erfolgt immer und ohne Ausnahme zur Lagekontrolle der Beatmungshilfen, zur Erkennung von Diskonnektion und Dislokation im Beatmungssystem sowie zum indirekten Monitoring der Hämodynamik. Es sind möglichst zwei periphervenöse Verweilkanülen vor Narkoseeinleitung zu etablieren. In der Langversion der Handlungsempfehlung werden in zahlreiche Kapitel die Narkosekonzepte für häufige Notfallsituationen (z.B. schweres Trauma/Polytrauma, isoliertes Neurotrauma/Schlaganfall/intrakranielle Blutung, den kardialen Risikopatienten, den respiratorisch insuffizienten Patienten) sowie das Management von Komplikationen erläutert. Eine Darstellung geeigneter Medikamente für die prähospitale Notfallnarkose und Lagerungshinweise runden die vorliegende Leitlinie ab.


Die DGAI Handlungsempfehlung und S1-Leitlinie in Word und Schrift:

  • Handlungsempfehlung: Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen. Anästh Intensivmed 2015; 56: 317-335 (Langversion)
  • Handlungsempfehlung: Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen. Anästh Intensivmed 2015; 56: S477-S491 (Kurversion)
  • Bernhard M, Böttiger BW, Hossfeld B. Anästhesie: Für eine sichere Narkose im Notfall. Deutsche Ärztenblatt 2015; A1992-A1994 (PDF)

Awmf_Notfallnarkose

Darüber hinaus wurde die DGAI Handlungsempfehlung und S1 Leitlinie als Parallelpublikation in folgenden Fachzeitschriften veröffentlicht: Notfallmedizin up2date, Notfall Rettungsmedizin, Intensiv- und Notfallbehandlung, Der Notarzt, Rettungsdienst.


KitteltaschenformatDie Kurzversion der DGAI-Handlungsempfehlung wurde darüber hinaus in einem Non-Profit Ansatz (d.h. die Autoren der Leitlinie verdienen hiermit kein Geld) im MEPS-Verlag veröffentlicht und kann unter folgenden Kontaktdaten bezogen werden.

MEPS Medical Event & Publisher Service GmbH
Neuwieder Straße 9, 90411 Nürnberg
Fax: 0911 3938195 oder per Email: gugel@mps-congress.de

Bitte beachten Sie die entsprechenden anfallen Unkosten.

 

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