Thorax CT bei Kindern: Traumazentren für Erwachsene scannen häufiger

Ein Gastbeitrag von Jacob Stössel, Ulm             Die Computertomographie des Thorax ist in der Traumadiagnostik sensitiv, bei Kindern jedoch wegen der Strahlenexpositon besonders kritisch zu indizieren. Frühere Arbeiten haben gezeigt, dass zusätzliche CT-Befunde nach stumpfem Thoraxtrauma nicht zwangsläufig zu einer Änderung des klinischen Managements führen. Unklar war, ob diese Indikationsstellung auch davon abhängt, ob ein Kind in einem pädiatrischen oder einem Traumazentrum für Erwachsene behandelt wird.

Hess et al. untersuchten deshalb, ob Kinder mit stumpfem Trauma in pädiatrischen Level 1 Traumazentren seltener eine Thorax-CT erhalten als in Level 1 Traumazentren für Erwachsene.

Hess T, Wang M, Chappell C et al.

Is the rate of chest computed tomography different between adult and pediatric Level 1 trauma centers?

J Trauma Acute Care Surg 2026

 

Methodik

Die Autoren werteten retrospektiv Daten aus der Pennsylvania Trauma System Foundation Database aus. Eingeschlossen wurden Kinder unter 15 Jahren mit stumpfem Trauma zwischen dem 01.01.2019 und dem 31.12.2023.

Verglichen wurden Kinder, die primär in einem pädiatrischen Level 1 Traumazentrum behandelt wurden, mit Kindern aus Erwachsenen Level 1 Traumazentren. Verlegungen wurden ausgeschlossen. An der Analyse waren 3 pädiatrische Level 1 Traumazentren und 10 Erwachsenen Level 1 Traumazentren beteiligt.

Erfasst wurden über ICD 10 und CPT-Codes unter anderem Thoraxröntgen, Thorax-CT, Thoraxdrainage, Thorakotomie und Sternotomie. Primärer Endpunkt war die Rate der Thorax-CT. Sekundär wurden Interventionen, Krankenhausverweildauer und Komplikationen ausgewertet.

Ergebnisse

Nach Anwendung der Ausschlusskriterien blieben 1.241 Kinder für die Analyse. Davon wurden 850 in pädiatrischen Traumazentren und 391 in Traumazentren für Erwachsene behandelt.

Die Thorax-CT wurde in pädiatrischen Zentren seltener eingesetzt. Die Rate lag bei 10,94% in pädiatrischen Traumazentren und bei 19,18% in Traumazentren für Erwachsene. Der Unterschied war statistisch signifikant (p<0,0001).

Bei älteren Kindern war der Abstand besonders ausgeprägt. In der Gruppe der 10 bis 14 Jährigen lag die CT-Rate bei 18,33% in pädiatrischen Zentren und bei 35,97% in Traumazentren für Erwachsene.

Die Kinder in den pädiatrischen Zentren waren im Mittel jünger und hatten einen höheren Injury Severity Score. Trotz höherer Verletzungsschwere wurde dort seltener eine Thorax CT durchgeführt.

Die höhere CT Rate in Traumazentren für Erwachsene ging jedoch nicht mit häufigeren Interventionen einher. Bei Intubation, kardiopulmonaler Reanimation, Thorakotomie und Sternotomie fanden sich keine signifikanten Unterschiede. Thoraxdrainagen wurden häufiger in pädiatrischen Zentren gelegt.

Die Autoren analysierten zusätzlich Kinder mit einer stationären Verweildauer von höchstens 3 Tagen. In dieser Gruppe unterschieden sich Alter, ISS, GCS und Interventionen nicht wesentlich zwischen den Zentren. Der Anteil an CT Untersuchung unterschied sich jedoch deutlich. Er lag bei 6,58% in pädiatrischen Traumazentren und bei 25,77% in Traumazentren für Erwachsene. Auch dieser Unterschied war statistisch signifikant (p<0,0001).

Diskussion

Diese Registerdaten legen nahe, dass der Versorgungskontext die CT-Indikation beeinflusst. In Erwachsenen Level 1 Traumazentren wurde bei Kindern mit stumpfem Thoraxtrauma fast doppelt so häufig eine Thorax-CT durchgeführt wie in pädiatrischen Level 1 Zentren.

Ein Zusammenhang mit zusätzlichen Maßnahmen fand sich nicht. Mehr CT bedeutete in dieser Kohorte nicht mehr Intubationen, Reanimationen, Thorakotomien oder Sternotomien. Die Subanalyse der Kinder mit kurzer Verweildauer stützt diese Einordnung, auch bei klinisch weniger schwerem Verlauf blieb die CT-Nutzung in Traumazentren für Erwachsene deutlich höher.

Eine mögliche Erklärung liegt in unterschiedlichen Versorgungsstrukturen. Pädiatrische Traumazentren arbeiten häufiger mit kindbezogenen Protokollen und haben mehr Erfahrung in der klinischen Einschätzung pädiatrischer Traumapatient:innen. Traumazentren für Erwachsene könnten eher Bildgebungsstrategien nutzen, die aus der Erwachsenenversorgung stammen.

Methodisch ist die Arbeit durch das retrospektive Design begrenzt. Die Daten stammen aus einem Register eines US Bundesstaates. Klinische Details wie Untersuchungsbefund, Unfallmechanismus oder konkrete CT-Indikation waren im Register nicht vollständig erfasst. Auch ob vor der CT ein unauffälliges Thoraxröntgen vorlag, ließ sich nicht sicher prüfen.

Fazit

Kinder mit stumpfem Thoraxtrauma erhielten in Erwachsenen Level 1 Traumazentren deutlich häufiger eine Thorax CT als in pädiatrischen Level 1 Traumazentren. Eine höhere Rate therapeutischer Interventionen war damit nicht verbunden.

Merke: Bei Kindern mit stumpfem Thoraxtrauma sollte die Thorax CT nur erfolgen, wenn aus dem Befund eine therapeutische oder überwachungsrelevante Konsequenz zu erwarten ist, und nicht als automatischer Bestandteil der Traumadiagnostik.

 

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