Ein Gastbeitrag von Ehrenfried Schindler, Bonn Eine groß angelegte internationale Studie mit mehr als 91.000 Patienten im Alter von 60 bis 80 Jahren liefert neue und bemerkenswerte Erkenntnisse zur Wahl des Anästhetikums bei älteren Erwachsenen.
Sun M, Miao M, Lu Z et al.
Association of propofol vs. sevoflurane maintenance anesthesia with postoperative delirium, cognitive decline, and mortality in older adults: a global comparative-effectiveness study.
Propofol und Sevofluran wurden hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Vollnarkose verglichen. Nach statistischem Matching der beiden Gruppen war Propofol mit einem höheren Risiko für ein postoperatives Delir verbunden: Innerhalb von sieben Tagen trat bei 3,36 % der mit Propofol behandelten Patienten ein Delir auf, verglichen mit 2,70 % der Patienten, die Sevofluran erhielten. Auch die 30-Tage-Mortalität war höher und lag bei 0,66 % gegenüber 0,53 %. Dieser Zusammenhang war bei kardiovaskulären Eingriffen und bei Patienten mit erhöhten Entzündungsmarkern besonders ausgeprägt.
Die Forschenden stellten zudem Unterschiede bei den längerfristigen Ergebnissen fest: Zwischen 180 und 365 Tagen nach der Operation wurden bei Patienten, die Propofol erhalten hatten, häufiger neue kognitive Störungen diagnostiziert (5,67 % gegenüber 3,76 %), und auch die Langzeitmortalität war höher (9,40 % gegenüber 6,21 %). Als mögliche Erklärung diskutieren die Autoren die organprotektiven und präkonditionierenden Eigenschaften von volatilen Anästhetika wie Sevofluran, betonen jedoch ausdrücklich, dass die verfügbaren Daten keinen kausalen Zusammenhang für die zugrunde liegenden Mechanismen belegen können.
Die Ergebnisse sind für die klinische Praxis relevant, sollten jedoch mit angemessener Vorsicht interpretiert werden: Es handelte sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie, nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie. Trotz Propensity-Score-Matching und umfangreicher statistischer Anpassungen können verbleibende Störfaktoren nicht ausgeschlossen werden.
Die Daten stellen jedoch die weit verbreitete Annahme in Frage, dass Propofol für die postoperativen neurokognitiven Ergebnisse bei älteren Patienten grundsätzlich die günstigere Wahl sei.
Insbesondere bei physiologisch gefährdeten Patienten könnte die Wahl des Anästhetikums eine größere Rolle spielen als bisher angenommen – eine spannende Frage für die perioperative Medizin und die zukünftige klinische Forschung.