Eiben-Intoxikation

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

  • Die Intoxikation mit dem Gift der Europäischen Eibe (Taxus baccata) gab es schon vor Jahrtausenden. Die ältesten „Fallberichte“ dazu finden sich in der griechischen Mythologie und in Caesars „Gallischem Krieg“.
    • Artemis tötete die Töchter von Niobe mit Eibengiftpfeilen.
    • ein keltischer Stammesfürst entzieht sich durch Selbstmord mit Eibengift der Gefangennahme durch Caesars Truppen.

  • Auch in der Tiermedizin ist die Vergiftung von Rindern, Schafen und Pferden durch die Aufnahme von Eibenblättern (Eibennadeln) ein bekanntes Problem und in mehreren Lehrbüchern zu finden.

In der humanmedizinischen Literatur finden sich dagegen überraschend wenige Fallberichte dazu. Eine Pubmed-Recherche liefert 19 Ergebnisse aus dem humanmedizinischen Bereich. Auffällig ist aber, dass hiervon 7 aus den Jahren 2014-2017 stammen. Der Autor selbst hat in den vergangenen 2 Jahren 2 Patienten mit einer Ingestion von Eibenblättern in suizidaler Absicht betreut.

  • Da Suizid-Methoden immer gewissen Trends unterworfen sind, ist also zukünftig eventuell eine weitere Zunahme der Inzidenz an Eibenintoxikation bei suizidalen Patienten zu erwarten.
  • Die leuchtend roten, leicht süßlich schmeckenden Früchte, die insbesondere auf Kinder anziehend wirken, sind glücklicherweise ungiftig.
  • Der Giftnotruf Erfurt (zuständig für die Länder Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) wurde zwischen 1998 und 2008 in 621 Fällen kontaktiert, in denen Kinder Pflanzenteile der Eibe (meist Früchte) aufgenommen hatten. Vereinzelt kam es zu Durchfall und Erbrechen, lebensbedrohliche Verläufe sind nicht berichtet.
  • Giftig sind die Samen (diese müssen bei Ingestion allerdings zerkaut werden und schmecken dann sehr bitter), Rinde und v.a. die Blätter/Nadeln der Pflanze.
  • Giftiger Inhaltsstoff ist v.a. das Pseudo-Alkaloid Taxin B, chemisch eng verwandt mit dem Chemotherapeutikum Paclitaxel, das in der Pazifischen Eibe vorkommt und zur Therapie u.a. des Ovarialkarzinoms eingesetzt wird. Taxine wirken sowohl auf Natrium- als auch Calcium-Kanäle blockierend
  • Um zur Resorption hoher Mengen des Taxins zu führen, müssen auch die Blätter gekaut werden oder zur Teezubereitung genutzt werden. Daher sind akzidentelle Einnahmen von Eibenbestandteilen selten gefährlich im Gegensatz zu Intoxikationen in suizidaler Absicht.
  • Übereinstimmend werden in fast allen vorliegenden Fallberichten unspezifische Symptome der intoxikierten Patienten berichtet:
    • Blässe,
    • Schwindel,
    • Übelkeit,
    • Bauchschmerzen,
    • Diarrhoe,
    • Bewusstlosigkeit,
    • Hypotension,
    • Tachykardie/Bradykaride und
    • häufig Mydriasis und Mundtrockenheit.
    • Teilweise werden auch Krampfanfälle beschrieben.
  • An eine Intoxikation mit Eibenblättern muss insbesondere bei kardialen Arrhythmien mit breiten Kammerkomplexen bis hin zu ventrikulären Tachykardien sowie kardialen Reizleitungsstörungen und Blockbildern mit Bradykardien gedacht werden. Die Kammerkomplexe werden ähnlich beschrieben wie bei massiver Hyperkaliämie und erinnern ebenfalls an Kammerkomplexe wie sie bei Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva beobachtet werden.
  • Die Rhythmusstörungen zeigen sich auf medikamentöse und elektrische Therapiemaßnahmen meist resistent.
  • Ein spezifisches Antidot steht nicht zur Verfügung.
  • Bei erst kurz zurückliegender Ingestion werden resorptionsvermindernde Maßnahmen durch Aktivkohle oder Magenspülung empfohlen, bei einer hohen Menge an unzerkauten Blättern auch eine gastroskopische Bergung.
  • Aufgrund des hohen Verteilungsvolumens sind Hämodialyse oder Hämofiltration nicht hilfreich.
  • Da eine gewisse Kreuzreaktivität der Taxine mit Digitoxin beschrieben wird, kann ein Therapieversuch mit dem entsprechenden Antitoxin unternommen werden. Auch dies ist jedoch nicht immer zur erfolgreichen Therapie der kardialen Rhythmusstörungen.

Willaert et al.: Intoxication with Taxus baccata: cardiac arrhythmias following yew leaves ingestion. Pacing Clin Electrophysiol. 2002, 25: 511–512

  • In der Literatur sind als weitere Therapiemaßnahmen aufgrund der Analogie des Wirkungsmechanismus zur Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva die Gabe von Lidocain und Natriumbicarbonat beschrieben.

von Dach et al.: Lidocaine treatment of poisoning with yew needles (Taxus baccata). Schweiz Med Wochenschr 1988, 118:1113

  • Auch die intravenöse Gabe von Lipidemulsion kann versucht werden.
  • Im Vordergrund stehen aber supportive Maßnahmen zur Kreislaufstabilisierung, einschließlich ggf. einer externen bzw. transvenösen Schrittmacheranlage. Hier allerdings oft keine gute „Übernahme“.

Cummins et al.: Near-fatal yew berry intoxication treated with external cardiac pacing and digoxin-specific FAB antibody fragments. Ann Emerg Med. 1990, 19:3843

Schulte: Lethalintoxication with leaves of the yew tree (Taxus baccata). Arch Toxicol 1975, 34:153-8

  • Im Falle des Kreislaufstillstandes werden mehrfach erfolgreiche prolongierte Reanimationsmaßnahmen beschrieben: z.B. 6 h intermittierende CPR bei einem 14-jährigen Mädchen mit rekurrierenden malignen Arrhythmien nach suizidaler Eibenintoxikation

Zutter et al.: „Chaotic Arrhythmia“ During Successful Resuscitation After Ingestion ofYew (Taxus baccata) Needles. Pediatric Emerg Care 2017, online first

In diesen Fällen sowie bei nicht zu beherrschendem kardialen Schockgeschehen ist auch die extrakorporale Kreislaufunterstützung (ECLS) indiziert. Hierzu gibt es aus den vergangenen Jahren mehrere erfolgreiche Fallberichte mit einem Sistieren der malignen Arrhythmien nach etwa 24 h und gutem neurologischem Outcome.

Vardon Bounes et al.: Suicide attempt with self-madeTaxus baccata leaf capsules: survival following the application of extracorporeal membrane oxygenation for ventricular arrythmia and refractory cardiogenic shock. Clin Toxicol 2017, 11:1-4

Baum et al.: Prolonged resuscitation and cardiogenic shock afterintoxication with European yew (Taxus baccata): Complete recovery after intermittent mechanical circulatory support. Int J Cardiol 2015, 181: 176-8

Thooft et al.: Combination of veno-arterial extracorporeal membrane oxygenation and hypothermia for out-of-hospital cardiac arrest due toTaxus intoxication. CJEM 2014, 16: 504-7

Soumagne et al.: Treatment ofyew leaf intoxication with extracorporeal circulation. Am J Emerg Med 2011, 29:354

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