Arm und diskriminiert? Beeinflusst der sozioökonomische Status die Behandlung und Prognose von Patienten mit intrahospitalem Herzstillstand?

Ein Gastbeitrag von Marija Mladenovic und Ulf Harding, Wolfsburg             In der Literatur wurde ein Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status (SES) und dem Überleben nach einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses (out-of-hospital cardiac arrest, OHCA) bewiesen. Andererseits gibt es ein Mangel an Studien, die eine mögliche Korrelation zwischen einem Herzstillstand innerhalb des Krankenhauses (in-hospital cardiac arrest, IHCA) zeigen. In einer schwedischen retrospektiven Studie von J. Agerström und Kollegen wurde jetzt dargestellt, wie Unterschiede im SES für die Behandlung und das Überleben nach IHCA von Bedeutung sind. Das schwedische Gesundheitssystem ist staatlich organisiert und alle Bürger tragen über Steuern zur Finanzierung bei.

Agerström J. et al.

Discriminatory cardiac arrest care? Patients with low socioeconomic status receive delayed cardiopulmonary resuscitation and are less likely to survive an in-hospital cardiac arrest.

European Heart Journal (2020); doi:10.1093/eurheartj/ehaa954

Zusammenfassung der Arbeit:

Methoden

In der Studie wurden personenbezogene Daten aus dem schwedischen Reanimationsregister bzw. Ergebnisvariablen (prophylaktische Behandlung (z.B. Herzrhythmusmonitoring), Behandlung während des Kreislaufstillstandes (z.B.Verzögerung bis CPR Beginn, CRP Dauer), Primärüberleben nach CPR, Überleben bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus, 30-Tages-Überleben, neurologisches Outcome (cerebral performance score, CPC), sowie post-arrest Behandlung) von 24.217 Patienten untersucht. Zusätzlich wurden sozialdemographische Basisvariablen, Prädiktorvariablen und Kontrollvariablen (Geschlecht und Alter), Ethnizität, Versorgungslevel des Krankenhauses, Jahr, Komorbiditäten, initialer Herzrhythmus, wahrscheinliche Ätiologie des Kreislaufstillstandes sowie die eigene Einschätzung des medizinischen Personals der Qualität der gewährleisteten Behandlung während des Kreislaufstillstands in einem statistischen Regressionsmodel analysiert. Der sozioökonomische Status (SES) wurde durch Prädiktorvariablen (Einkommen oder Hochschulbildung) definiert. Die Ergebnisse wurden tabellarisch dargestellt. Die ausgewählten Patienten waren 40 Jahre oder älter und im Reanimationsregister als IHCA zwischen 2005-2008 eingetragen.

Ergebnisse

Die Mehrheit der Patienten hatte keine Verzögerung bis zum Beginn der CPR (59,1%) und die Dauer der CPR betrug durchschnittlich 16,2 Minuten. Die Hälfte der Patienten (51,6 %) hat die CPR primär überlebt. Das Medizinische Personal im Krankenhaus war mehrheitlich zufrieden mit der durchgeführten Behandlung (71,8%). 23,1 % der Patienten haben die Behandlung mit einem guten neurologischen Outcome (CPC 1 und 2) bei Entlassung und 29,4 % der Patienten haben das Ereignis mindestens 30-Tage-überlebt.

Eine primäre Analyse stellt eine Korrelation zwischen SES, IHCA und Überleben dar.

  • Verzögerung der CPR:

Bei Patienten mit höherem SES ist die Wahrscheinlichkeit einer verzögerten CPR geringer. Bei hochgebildeten Patienten kam es zu deutlich weniger Verzögerungen als bei weniger gebildeten Patienten. Patienten mit höheren Einkommen waren signifikant weniger mit CPR-Verzögerungen assoziiert.

  • Dauer der CPR

Bei hochgebildeten Patienten war die Dauer der CPR signifikant kürzer.

  • Überleben nach CPR

Das Level der Bildung des Patienten zeigte sich statistisch nicht signifikant verbunden mit der durchschnittlichen Überlebenszeit. Höhere Einkommen korrelierten jedoch signifikant mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eines Primärüberlebens.

  • Zufriedenheit mit der Behandlung

Weder Bildungsniveau der Patienten oder Einkommen korrelieren mit der Zufriedenheit der Behandlung aus Sicht des Klinikpersonals.

  • Überleben bis zur Entlassung mit gutem neurologischen Outcome

Eine höhere Bildung war signifikant mit höherer Wahrscheinlichkeit des Überlebens bis zur Entlassung mit einem guten neurologischen Outcome im Vergleich mit niedriger Bildung assoziiert. Das Einkommen ist ebenfalls relevant für die Überlebenswahrscheinlichkeit.

  • 30-Tage-Überleben

Hochgebildete und Patienten mit höheren Einkommen haben eine höhere Chance für ein 30-Tage-Überleben.

In einer Sekundäranalyse wurden SES und Monitoring des Herzrhythmus analysiert.

Hier zeigte sich, dass bei hochgebildeten Patienten und Patienten mit höheren Einkommen der Herzrhythmus zu einem größeren Teil schon vor einem Kreislaufstillstand überwacht wurde. Dies korrelierte konsequent mit geringer Verzögerung beim Beginn der CPR und kürzerer Dauer der CPR insgesamt. Ebenfalls zeigte sich eine Korrelation mit dem Primärüberleben, Überleben bis zur Entlassung mit gutem neurologischen Outcome und 30-Tage-Überleben.

Fazit:

Die Daten der Arbeit von Agerström et al. bieten einen einzigartigen Einblick in die Abhängigkeit von SES und Reanimationserfolg bei innerklinischem Kreislaufstillstand. Patienten mit einem besseren SES erhalten weniger wahrscheinlich eine verzögerte CPR. Bei ihnen ist auch die Wahrscheinlichkeit für ein Primärüberleben, 30-Tages Überleben, Überleben bis zur Entlassung mit gutem neurologischen Outcome sowie die Überwachung des Herzrhythmus vor Eintreten des Kreislaufstillstandes höher als bei denjenigen mit niedrigerem SES. Bei Patienten mit höherem SES wurde der Herzrhythmus öfter überwacht, obwohl sie mit weniger Komorbiditäten vorbelastet sind, was teilweise den schnelleren Beginn der CPR erklären könnte.

Die Autoren weisen darauf hin, daß auch nach Kontrolle der Variablen des Regressionsmodels die SES Unterschiede in Therapie und Überleben des IHCA blieben. Dies weist auf eine Diskriminierung in der Behandlung der Patienten hin. Ergebnis dieser Studie ist, dass Patienten unterschiedlich therapiert worden sind, je nach ihrem SES. Eine Erklärung ist durch Vorurteile und eine voreingenommene Haltung des medizinischen Personals möglich. Um eine diskriminierende Behandlung von Patienten mit niedrigem SES zu verhindern, sollten Reanimationsteams entsprechend geschult werden, um das Bewusstsein für Ungleichbehandlung zu schärfen.

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