Skiunfälle

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz: 

Die Skisaison steht unmittelbar bevor. Zeit, um mal die einen Blick auf aktuelle Studien zum Thema Skiunfälle und deren Prävention zu werfen. Zwei Arbeiten sind mir hier besonders aufgefallen, weil deren Ergebnisse auf den ersten Blick der persönlichen Erwartung widersprechen. Im heutigen Blogbeitrag geht es um den Zusammenhang zwischen dem Tragen von Helmen bei Skifahren bzw. Snowboarden und der Verletzungsschwere der Patienten.

Porter ED et al. Helmet use is associated with higher Injury Severity Scores in alpine skiers and snowboarders evaluated at a Level I trauma center. J Trauma Acute Care Surg 2019; 87:1205-13; DOI: 10.1097/TA.0000000000002447

In dieser retrospektiven Studie wurde die Hypothese untersucht, ob Skifahrer/Snowboarder, die einen Helm getragen haben, schwerere Verletzungen erleiden als Skifahrer/Snowboarder ohne Helm. Die Studie kurz zusammengefasst:

Methoden:

  • retrospektive Kohortenstudie
  • ein Level 1-Traumazentrum in den USA (Lebanon, New Hampshire)
  • Untersuchungszeitraum: November 2010 bis April 2018
  • ein schwerverletzter Patient wurde definiert als ISS (injury severity score) >15
  • da natürlich die Schwere der Verletzungen neben dem Tragen eines Helms auch von weiteren Faktoren abhängig ist, war eine multivariante logistische Regressionsanalyse notwendig. Als weitere beeinflussende Faktoren wurden Alter, Geschlecht, Art der Aktivität (Ski/Snowboard), Unfallmechanismus (Sturz aus Körperhöhe, Sturz beim Sprung oder über einen Abhang, Kollision mit einer anderen Person, Kollision mit einem Gegenstand wie z.B. Schneekanone, Liftmast, Baum etc. und Wohnsitz am Unfallort (vermutlich, weil man annimmt, dass Einheimische das Gelände besser kennen und möglicherweise die besseren Fahrer sind als „Touristen“)) angenommen.

Ergebnisse:

  • 724 Patienten nach einem wurden in diesem Zeitraum nach einem Ski- oder Snowboardunfall aufgenommen
  • bei 3 Patienten lagen keine Informationen vor, ob ein Helm getragen wurde oder nicht, so dass letztlich 721 Patienten in die Analyse eingeschlossen werden konnten.
  • mittleres Alter 33±21 Jahre (Range: 3 bis 91 Jahre)
  • 65% (n=468) der Patienten trugen beim Unfall einen Helm
  • 74% der Patienten waren Skifahrer, 26% Snowboarder
  • behelmte Skifahrer bzw. Snowboarder hatten (nach multivarianter Regressionsanalyse) ein deutlich höheres Risiko dafür,
    • schwer verletzt zu sein (ISS >15): odds ratio (OR) 2,01, 95%-Konfidenzintervall: 1,30-3,11)
    • eine intrakranielle Blutung zu erleiden: OR 1,81 (1,10-2,96)
    • eine lumbosakrale Wirbelsäulenverletzung zu erleiden OR 1,84 (1,04-2,96)
    • oder eine Thoraxverletzung zu erleiden: OR 1,66 (1,05-2,61)
  • dagegen war bei Helmträgern die Wahrscheinlichkeit deutlich reduziert
    • eine Halswirbelsäulenverletzung zu erleiden: OR 0,51 (0,30-0,89)
    • eine Skalpierungsverletzung/Gehirnschädelfraktur zu erleiden: OR 0,30 (0,14-0,64)
  • interessante Nebenergebnisse:
    • Snowboarder hatten deutlich häufiger abdominelle Verletzungen als Skifahrer: Milzverletzungen 14 vs. 5% (p<0,001) und Nierenverletzungen 12 vs. 3% (p<0,001)
    • während des Untersuchungszeitraums nahm die Rate an Helmträgern unter den Patienten von 43% auf 81% deutlich zu (p<0,001), während dagegen der Anteil der Patienten mit relevanten Kopfverletzungen (Gehirnerschütterung, Hirnkontusion, intrakranielle Blutung, Skalpierungsverletzung, Schädelfraktur) unverändert blieb (49% vs. 43%, p=0,499)
    • Snowboarder hatten gegenüber Skifahrern ein höheres Risiko für eine intrakranielle Blutung: OR 1,85 (1,09-3,17)
    • Kinder und Jugendliche hatten gegenüber der Altersgruppe der 18- bis 44-jährigen ein Risiko von einem Drittel für Thoraxverletzungen und ein halb so hohe Risiko dafür, schwer verletzt zu sein
    • Alte Patienten (≥65 Jahre) dagegen im Vergleich zu den 18- bis 44-jährigen ein dreifach so hohes Risiko für intrakranielle Blutungen und ein fast 4-fach so hohes Risiko für HWS-Verletzungen

Fazit:

Wenn die Antwort auf die im Schockraum übliche Frage „Hat der Patient einen Helm getragen?“ „Ja!“ lautet, dann ist das in keinem Fall ein beruhigendes Signal, sondern eher im Gegenteil eine „red flag“ für einen schwerverletzten Patienten und eine intrakranielle Blutung.

Die Erklärung für dieses auf den ersten Blick überraschende Ergebnis ist einfach und wird in der Psychologe als Risikokompensation oder „Peltzman-Effekt“ bezeichnet. Ein Sportler oder Autofahrer etc., der sich besser geschützt fühlt, geht ein höheres Risiko ein, fährt schneller und unüberlegter und erleidet so trotz besserer Schutzausrüstung die schwereren Verletzungen.

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