Was leistet der Notarzt prähospital wirklich? Eine retrospektive Analyse aus Graz.

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Eine sehr interessante Arbeit zu den tatsächlich durch Notärztinnen und Notärzte prähospital unternommenen Maßnahmen in einem bodengebunden Rettungsdienst und damit auch zur sinnvollen Verwendung der notärztlichen Ressourcen wurde aktuell von Kollegen aus Graz im Anästhesisten veröffentlicht:

Prause G et al. System- und Fertigkeitseinsatz in einem österreichischen Notarztsystem: retrospektive Studie. Anästhesist 2020; online first

Die Arbeit kann als „open access“-Artikel unter folgender DOI kostenlos abgerufen werden:

https://doi.org/10.1007/s00101-020-00820-8

Die Studie kurz zusammengefasst:

  • ausgewertet wurden die Einsätze des bodengebundenen Notarztdienstes des Universitätsklinikums Graz vom 1.1.2010 bis 31.12.2018
  • insgesamt waren dies 15.409 Primäreinsätze und 322 Sekundäreinsätze
  • die Einsätze werden von einem Team von durchschnittlich 25 Notärztinnen und Notärzten absolviert
  • die jährliche Einsatzrate stieg in diesem Zeitraum massiv von 1.442 Einsätzen im Jahr 2010 auf 2.301 Einsätze 2018 an.
  • Die Autoren unterscheiden für ihre Studie zwischen 3 Kategorien von Maßnahmen:
    • Kategorie 1: „notärztliche Maßnahmen“ (dazu zählen sie Narkoseeinleitung, tracheale Intubation, invasive und nicht-invasive Beatmung, Thorakozentese, kardiopulmonale Reanimation, transkutane Schrittmachertherapie, Behandlung des Akuten Koronarsyndroms, arterieller Zugang und Katecholamingabe)
    • Kategorie 2: „medizinische Maßnahmen“ (dazu zählen sie 12-Kanal-EKG, venöser Zugang ohne die Applikation von Medikamenten, Analgosedierung und leitsymptomorientierte Behandlung von Krampfanfall, Kollaps, Hypoglykämie, Schlaganfall, Kolikschmerz etc.)
    • Kategorie 3: „keine medizinischen Maßnahmen“ (nur Lagerung, Sauerstoffgabe, Schienung, Todesfeststellung, Stornierung bei Anfahrt, Fehleinsatz etc.)
  • in nur 18% der Notarzteinsätze in diesem Zeitraum wurden tatsächlich Maßnahmen der Kategorie 1 ergriffen, in 47% Maßnahmen der Kategorie 2 und in 35% der Kategorie 3
  • der Anteil der Einsätze mit Maßnahmen der Kategorie 1 ist über die Jahre scheinbar rückläufig: in den ersten 6 Jahren des Beobachtungszeitraums 18,7%, in den letzten 3 Jahren 17,1% (p=0,001), da die absolute Zunahme in den Kategorien 2 und 3 größer ist
  • interessant ist auch die Häufigkeit von notärztlichen Maßnahmen pro Notarzt und Jahr zu betrachten
invasive Maßnahme Häufigkeit pro Notarzt und Jahr
tracheale Intubation 5,4
nichtinvasive Beatmung 2,2
arterieller Zugang 3,2
kardiopulmonale Reanimation 4,6
präklinische Narkoseeinleitung 2,9
transkutane Schrittmachertherapie 0,1
„Thorakozentese“ 0,2

Was bedeuten diese Ergebnisse für die Praxis?

  • Diese Studie konnte sehr schön zeigen, dass retrospektiv gesehen bei weniger als einem Fünftel der Notarzteinsätze in dem untersuchten bodengebunden Rettungsdienst tatsächlich (not-) ärztliche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Mehr als 80% der Notarzteinsätze könnten auch von einem entsprechend ausgebildeten und mit Kompetenzen ausgestatteten Notfallsanitäter abgearbeitet werden bzw. durch Hausärzte (Todesfeststellung) geleistet werden.
  • die Ergebnisse der Grazer Kollegen zeigen aber auch, wie selten der einzelne Notarzt tatsächlich invasive notärztliche Maßnahmen durchführt. Diese Ergebnisse unterstützen einmal mehr, dass nur Notärzte, die kontinuierlich innerklinisch akutmedizinisch arbeiten und so ihre medizinischen und technischen Fähigkeiten trainieren und aufrecht erhalten, dem Patienten einen Mehrwert bringen. Nur mit prähospitaler Tätigkeit kann ein adäquates Ausbildungsniveau weder erreicht noch gehalten werden.
  • Darüber hinaus liefern die Ergebnisse auch eine Erklärung dafür, wieso die Notarzttätigkeit zunehmend unbeliebt wird und sich die Standorte immer schwerer tun, die Dienste durch erfahrene und gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte zu besetzen. Wenn nur in einem Bruchteil der Einsätze tatsächlich die eigene Kompetenz gefragt und gefordert wird, schwindet die Motivation verständlicherweise sehr rasch. Hier könnte zukünftig der Einsatz von „Telenotärzten“ Vorteile bringen.

4 thoughts on “Was leistet der Notarzt prähospital wirklich? Eine retrospektive Analyse aus Graz.

  1. Sehr interessanter Artikel. Wasser auf die Mühlen der Politiker, die seit geraumer Zeit die Notärzte durch Notfallsanitäter ersetzen wollen.
    Grüße, R.H.

    1. Notärzte durch Notfallsanitäter zu ersetzen, die NOCH WENIGER Erfahrung in invasiven Techniken haben, ist natürlich eine absolut geniale Idee! Das wird die Versorgung der Patienten natürlich verbessern – zumindest wenn man in Schilda lebt …

      Michael Riediger
      Notarzt

  2. Nun, diese Arbeit gibt in verwertbaren Zahlen das wieder, was auch durch deutsches Rettungsfachpersonal und eine hohe Anzahl von Notärzten seit Jahren subjektiv empfunden und auch geäußert wird. In manchen Bereichen dürften die Zahlen der wirklich notwendigen NA Einsätze noch geringer ausfallen. Auch der Hinweis auf die Notwendigkeit des klinischen Trainings sowie der Simulation zum Skill Erhalt bei einer derart geringen Anzahl durchgeführter, lebensrettender invasiver Maßnahmen ist wichtig. Der Artikel regt einmal mehr an, sich über eine Strukturänderung der rettungsdienstlichen Landschaft sowie des zielgerechten Einsatzes der jeweiligen Rettungsmittel Gedanken zu machen.

  3. Dem Artikel kann entnommen werden, daß es durchaus Verbesserungspotential für akademische und „nicht-akademische“ Retter gibt. Ärztlich besetzte Mittel sollten auf Nachforderung bzw. nach einem klar umrissenen Indikationskatalog zum Einsatz kommen. Das könnte die Zahl der „unnötigen“ Alarme noch einmal reduzieren und die hohe ärztliche Kompetenz besser zur Geltung bringen. Auf der anderen Seite ist es Zeit für bundeseinheitliche, rechtssichere Regelkompetenzen für NotfallsanitäerInnen, um auch hier eine Verbesserung am Kunden zu erreichen. Diese sollte dann auch mit verpflichtenden Fortbildungsmaßnahmen (zertifizierte Kurse (ERC, Trauma u.a.) und deren Auffrischung!) und regelmäßigem Simulationstraining (auch mit Ärzten) flankiert werden.
    Und keine Geschäftsführung darf sich pauschal mit den Kosten aus dem Cikulus verabschieden. Rettungsdienst ist eine Daseinsvorsorge und sollte nicht nur aus der rein finanziellen und juristischen Sicht betrachtet werden. Sonst werden wir Dinge wie 48h/Woche (davon oft nur 39 bezahlt!), Kompetenz-Flickenteppiche und die reine Kostensicht noch in zehn Jahren als Themen haben.

    Hummel
    Notfallsanitäter

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