Desmopressin bei Schädel-Hirn-Trauma

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Immer mehr unserer Notfallpatienten nehmen Thrombozytenhemmer als Dauermedikation ein. Wenn diese Patienten ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) erleiden (was aufgrund von Stolperstürzen mit zunehmendem Alter ebenfalls immer häufiger wird), erscheint die Gabe von Desmopressin zur Steigerung der Thrombozytenfunktion reizvoll.

In einer aktuell publizieren Studie wird nun der Nutzen der Gabe von Desmopressin bei SHT unter Einnahme von Thrombozytenhemmern untersucht.

Barletta JF et al. The Role of Desmopressin on Hematoma Expansion in Patients with Mild Traumatic Brain Injury Prescribed Pre-injury Antiplatelet Medications. Neurocrit Care 2020; https://doi.org/10.1007/s12028-019-00899-x

Die Studie:

  • retrospektive Kohorten-Studie
  • Beobachtungszeitraum: Juli 2012 bis Mai 2018
  • eingeschlossen wurden konsekutiv alle erwachsenen Patienten der Notaufnahme eines Level 1-Traumazentrums, die unter Dauermedikation mit oralen Plättchenhemmern standen und Trauma-bedingt eine intrakranielle Blutung (im CT bestätigt) erlitten hatte

Ergebnisse:

  • eingeschlossen wurde n=202 Patienten
  • das Durchschnittsalter betrug 76±12 Jahre
  • 158 (78%) erhielten Desmopressin in einer Dosierung von mindestens 0,3 µg/kg
  • 91% der Patienten hatten ein leichtes SHT (GCS 13-15) erlitten
  • 75% der Patienten standen unter ASS, 13% unter dualer Plättchenhemmung und 12% unter ADP-Rezeptorantagonisten.
  • 69% hatten ein subdurales Hämatom, 54% eine Subarachnoidalblutung, 18% eine intraparenchymale Blutung, 4,5% eine epidurale Blutung und 7,4% eine intraventrikuläre Blutung. Bei 49% der Patienten lag eine Blutung in mehreren Kompartimenten vor.
  • Im Kontroll-CCT wurde mit 14% (n=22) der Patienten, die Desmopressin erhalten hatten, im Vergleich zu 30% (n=13) der Patienten, die ohne Desmopressin behandelt wurden, deutlich seltener eine Größenzunahme >20% des Ausgangsvolumens des Hämatoms festgestellt (p=0,015).
  • in der Desmopressin-Gruppe nahm das Volumen im Schnitt um 185% zu im Vergleich zu 221% in der Nicht-Desmopressin-Gruppe (p=0,832)
  • thrombotische Komplikationen wurden in beiden Gruppen gleich häufig beobachtet
  • die Sterblichkeit war ebenfalls in beiden Gruppen vergleichbar: 3,2% (n=5) in der Desmopressin-Gruppe im Vergleich zu 9,1% (n=4) in der Gruppe der Patienten ohne Desmopressin-Gabe, p=0,106
  • auch in der multivarianten Regressionsanalyse konnte neben dem Alter und der Höhe der ASS-Dosierung die Desmopressin-Gabe als beeinflussender Faktor für Größenausdehnung einer intrakraniellen Blutung identifiziert werden

Fazit:  Durch die Gabe von Desmopressin bei SHT-Patienten, die unter Thrombozytenaggregationshemmern stehen, kann vermutlich die Ausdehnung der Blutung reduziert werden. Allerdings wurde in der vorliegenden Studie der Einfluss auf das neurologische Behandlungsergebnis nicht untersucht. Eine große randomisiert kontrollierte Studie erscheint sicher lohnenswert.

One thought on “Desmopressin bei Schädel-Hirn-Trauma

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.