In einer aktuellen Umfrage haben Steffen Nüsken und Kollegen den „Ist-Analyse der Schmerztherapie in deutschen Notaufnahmen – SOP-Inhalte und Delegationsstrukturen“ untersucht, und hierbei den derzeitigen Stand zur Schmerzerfassung und -therapie in deutschen Notaufnahmen erfasst. Grundlage ist eine bundesweite, quantitative Online-Befragung von fünf Berufs-/Funktionsgruppen in der Notfallversorgung. Insgesamt wurden 879 auswertbare Fragebögen aus Notaufnahmen unterschiedlicher Versorgungsstufen analysiert.
Nüsken S, et al. Ist-Analyse der Schmerztherapie in deutschen Notaufnahmen – SOP-Inhalte und Delegationsstrukturen. Notfall Rettungsmed 2026, https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-026-01760-3

Hintergrund und Zielsetzung: Schmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für eine Vorstellung in der Notaufnahme. Obwohl strukturierte Schmerzerfassung und Schmerztherapie durch Ersteinschätzungssysteme, Leitlinien und Qualitätsanforderungen gefordert werden, war bislang unklar, wie einheitlich diese Anforderungen in deutschen Notaufnahmen tatsächlich umgesetzt werden. Ziel der Studie war daher eine aktuelle Bestandsaufnahme zu Schmerzassessment, SOP-Verfügbarkeit, Delegationsstrukturen und praktischer Durchführung der Analgesie.
Methodik: Vom 08.05. bis 27.07.2025 wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Rekrutiert wurde unter anderem über den DGINA-Kongress, Fachverteiler, Onlineplattformen und Vorträge. Der Fragebogen wurde je nach Berufsgruppe angepasst, unter anderem für ärztliche Leitungen, Ärzt:innen ohne Leitungsfunktion, Notfallpflegekräfte sowie nichtärztliches Personal mit oder ohne Ersteinschätzungskurs.
Ergebnisse:
- Die Ersteinschätzung wird überwiegend durch Pflegefachpersonen bzw. Notfallpflegende durchgeführt. Laut den ärztlichen Leitungen übernehmen Notfallpflegende dies in 91% und Pflegefachpersonen in 85% der Notaufnahmen. Andere Berufsgruppen wie MFA oder Notfallsanitäter:innen sind ebenfalls beteiligt, aber in geringerem Umfang.
- Bei der Schmerzerfassung zeigt sich bei Erwachsenen ein relativ homogenes Bild: Die numerische Rating-Skala (NRS) wird mit 87% am häufigsten genutzt. Bei Kindern ist die Situation deutlich heterogener; am häufigsten wird hier die Smiley-Analogskala (SAS) verwendet, allerdings nur in 30 %der Fälle. Spezielle Instrumente, etwa für Menschen mit Demenz, werden trotz Verfügbarkeit selten eingesetzt.
- Standard Operating Procedures (SOP) zur Schmerztherapie sind laut Gesamtbefragung nur in etwa der Hälfte der Notaufnahmen etabliert: 51 % der Befragten gaben an, dass Schmerzstandards vorhanden sind. Auffällig ist eine deutliche Wahrnehmungsdiskrepanz: Leitende Ärzt:innen berichteten deutlich häufiger von vorhandenen SOP (74 %) als Ärzt:innen ohne Leitungsfunktion oder nichtärztliches Personal. Dies spricht für mögliche Defizite bei Kommunikation, Zugänglichkeit oder Schulung der Standards.
- In Notaufnahmen mit implementierter SOP ist Schmerztherapie meist bereits in die Ersteinschätzung 91% der leitenden Ärzt:innen mit SOP gaben an, dass dort eine Analgesie im Rahmen der Ersteinschätzung vorgesehen ist. In den meisten Fällen erfolgt dies über eine standardisierte SOP-basierte Delegation an nichtärztliches Personal.
- Bei den delegierbaren Medikamenten dominieren Paracetamol, Ibuprofen und Metamizol. Opioide werden deutlich seltener im Rahmen standardisierter Delegation freigegeben; wenn sie eingesetzt werden, überwiegt Piritramid, während Morphin insbesondere in Universitätskliniken häufiger genannt wird.
- Ein kritischer Punkt ist die Aufklärung bei Metamizolgabe. Nur 41% der Befragten gaben an, eine Sicherungs- bzw. Risikoaufklärung durchzuführen. Teilweise erfolgt die Aufklärung nur mündlich oder gar nicht. Die Autor:innen bewerten dies angesichts seltener, aber relevanter Risiken wie Agranulozytose als problematisch und fordern rechtssichere Aufklärungs- und Dokumentationsprozesse. Die Delegation der Schmerztherapie an nichtärztliches Personal wird von der Mehrheit klar befürwortet: 88% der Befragten sprachen sich dafür aus. Auch die Kompetenz des nichtärztlichen Personals wird überwiegend positiv eingeschätzt, allerdings fühlt sich ein relevanter Anteil nicht ausreichend geschult. Daraus leiten die Autor:innen einen Bedarf an strukturierten Schulungen, Kompetenzstufen, Supervision und Rezertifizierung ab.
Diskussion und Bedeutung:
Die aktuelle Umfrage zeigt, dass die Schmerztherapie in deutschen Notaufnahmen in den vergangenen Jahren strukturelle Fortschritte gemacht hat, insbesondere durch Integration in die Ersteinschätzung und durch Delegationsmodelle. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung uneinheitlich. Unterschiede bestehen bei Assessmentinstrumenten, SOP-Bekanntheit, Delegationsumfang, Medikamentenauswahl, Aufklärung und Qualitätssicherung.
Als zentrale Verbesserungsansätze wurde herausgearbeitet:
- zielgruppengerechte Schmerzassessments, etwa spezifische Skalen für Kinder, ältere Menschen oder Patient:innen mit Demenz,
- konsequent implementierte und geschulte SOP,
- qualitätsgesicherte Delegation mit klaren Kompetenzprofilen,
- rechtssichere Risiko- und Sicherungsaufklärung, insbesondere bei Metamizol,
- nationale Empfehlungen zur Schmerzerfassung und Schmerztherapie in Notaufnahmen,
- Qualitätsindikatoren wie „time to analgesia“, Reassessment-Rate und dokumentierte Aufklärung.
Fazit
Die Akutschmerztherapie in deutschen Notaufnahmen ist weiterhin heterogen. Viele Einrichtungen verfügen bereits über sinnvolle Strukturen, doch es fehlt an flächendeckender Standardisierung, konsequenter Schulung und verlässlicher Umsetzung. Nüsken et al. plädieren für nationale Mindeststandards, gut sichtbare und geschulte SOP, rechtssichere Aufklärungsprozesse und eine stärkere Qualitätssicherung, um Patient:innen in der Notaufnahme schneller, wirksamer und sicherer analgetisch zu versorgen.