Emergency Critical Care (ECC): Der blinde Fleck zwischen Schockraum und ICU

Kritisch kranke Patient:innen werden längst nicht mehr erst auf der Intensivstation „wirklich“ versorgt. Ein großer Teil der hochakuten Versorgung passiert heute schon vorher in der Notaufnahme. Genau diesen Bereich rückt das Paper von Prof. Kümpers und Kolleg:innen ins Rampenlicht – und macht damit auf einen blinden Fleck in der modernen Notfallmedizin aufmerksam:

Kümpers P, et al. Emergency critical care: a blind spot in the upstream phase of critical illness. Critical Care 2026;30:189 Link: https://link.springer.com/article/10.1186/s13054-026-06031-8

Die Kernbotschaft ist ebenso simpel wie relevant: Emergency Critical Care (ECC) ist kein Randphänomen, sondern ein eigenständiger, hochdynamischer Abschnitt im Verlauf kritischer Erkrankung. In der Notaufnahme werden längst Beatmung, Vasopressoren, engmaschiges Monitoring und komplexe Entscheidungen durchgeführt – oft über Stunden, bevor überhaupt ein Bett auf einer Intensivstation verfügbar ist. Trotzdem taucht diese Phase in Forschung, Qualitätsmessung und Versorgungssteuerung bisher nur unzureichend auf.

Das Paper ist deshalb ans Herz zu legen, da es nicht bei der Problembeschreibung stehen bleibt. Statt ECC starr zu definieren, schlagen die Autor:innen ein pragmatisches 3-Dimensionen-Modell vor:

  • Wie krank ist der Patient?
  • Wie intensiv ist die Betreuung?
  • Welche Organunterstützung läuft?

Abb. 1 Dimensions- und verlaufsbasierte Darstellung der Emergency Critical Care (ECC). (A) Konzeptionelle Darstellung der ECC als dreidimensionaler Raum, der durch den Schweregrad der Erkrankung, die Intensität der klinischen Versorgung und die therapeutische Organunterstützung definiert ist. Behandlungsverläufe lassen sich anhand klinisch beobachtbarer und messbarer Merkmale in diesem Raum verorten. Anschauliche Beispiele sind die symptomatische Hyponatriämie (grün), hypertensives Lungenödem (blau) und septischer Schock aufgrund einer obstruktiven Uropathie (rot), die unterschiedliche Konstellationen über die Dimensionen hinweg darstellen, wobei die Hyponatriämie durch eine hohe klinische Versorgungsintensität bei begrenzter Organunterstützung gekennzeichnet ist, das hypertensive Lungenödem durch eine Kombination aus physiologischer Instabilität und vorübergehender Organunterstützung und die Urosepsis mit obstruktiver Uropathie durch einen hohen Schweregrad der Erkrankung, der eine anhaltende Organunterstützung und intensive medizinische Versorgung erfordert. Diese Beispiele dienen der Veranschaulichung und implizieren keine spezifischen Behandlungswege oder Entscheidungen zur Patientenverteilung. (B) Schematische Verläufe der gesamten ECC-Intensität im Zeitverlauf, die den kombinierten Beitrag von Krankheitsschweregrad, Intensität der klinischen Versorgung und therapeutischer Organunterstützung widerspiegeln. Veränderungen im Verlauf spiegeln eine dynamische Neubewertung mit Eskalation oder Deeskalation der Versorgung wider.

Mit diesen drei Achsen wird ECC endlich greifbar, beschreibbar und perspektivisch auch wissenschaftlich messbar. Genau das ist der entscheidende Schritt, wenn aus einem klinischen Bauchgefühl ein belastbares Forschungsfeld werden soll.

Warum ist das für die notfallmedizinische Scientific Community wichtig? Weil das Paper einen gemeinsamen Denkrahmen liefert. Es verbindet Notfallmedizin, Intensivmedizin, Versorgungsforschung und Gesundheitssteuerung. Es hilft, die Schnittstelle zwischen Notaufnahme (ED) und Intensivstation (ICU) nicht länger als organisatorisches Niemandsland zu betrachten, sondern als eigenständigen Versorgungsabschnitt mit Einfluss auf Ressourcen, Behandlungsergebnisse und Patientensicherheit.

Damit ist die Arbeit mehr als nur ein Perspektivartikel: Sie ist ein wissenschaftlicher Türöffner. Sie formuliert eine Sprache, mit der künftig Studien, Register, Qualitätsindikatoren und vielleicht sogar neue Versorgungskonzepte entwickelt werden können. Für die notfallmedizinische Scientific Community ist das hochrelevant, da aufgezeigt wird, dass frühe umfassende notfallmedzinische Versorgung in der Notaufnahme nicht nur stattfindet, sondern endlich auch als das anerkannt werden muss, was sie ist: ein zentraler Teil moderner Versorgung kritisch kranker Patient:innen.

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