Tourniquet: Vigilanz gegenüber Lungenembolien?

Tourniquet improvisiert
mit freundlicher Genehmigung von Sylvi Thierbach

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Kürzlich wurde im Journal of the American College of Surgeons eine sehr schöne Studie zum Einsatz des Tourniquets in der zivilen Notfallmedizin veröffentlicht:

Teixeira PGR et al. Civilian Prehospital Tourniquet Use Is Associated with Improved Survival in Patients with Peripheral Vascular Injury. J Am Coll Surg 2018; 226:769-76.

Hier eine kurze Zusammenfassung:

  • Retrospektive Beobachtungsstudie
  • Alle Patienten mit peripheren Gefäßverletzungen an 11 Level 1-Traumazentren in Texas, USA
  • 2011-2016
  • n=1026 Patienten
  • Unterschieden wurde zwischen den Patienten, die prähospital mit Tourniquet versorgt wurden, und Patienten ohne Tourniquet-Anlage
  • Primärer Outcome-Parameter: Krankenhaus-Sterblichkeit
  • Sekundäre Outcome-Parameter: sekundär notwendige Amputationen, thromboembolische Komplikationen, Infektionen etc.
  • Unterschiede zwischen den beiden Gruppen hinsichtlich der Verletzungsschwere, Vitalparametern, GC, Traumamechanismus, Amputationsverletzung, Patientenalter etc. wurden über eine logistische Regressionsanalyse berücksichtigt
  • Bei n=181 (17,6%) der Patienten wurde prähospital ein Tourniquet angelegt mit einer hohen Varianz zwischen den einzelnen Traumazentren zwischen 1,4 und 61,9%
  • Im Mittel blieb das Tourniquet 77,3 ± 63,3 min liegen
  • Die Krankenhaussterblichkeit in der Gruppe ohne Tourniquet betrug 5,2%, in der Gruppe mit Tourniquet 3,9%, odds ratio (OR)=1,36 (95%-Konfidenzintervall (KI): 0,60-3,12), p=0,452
  • Nach multivarianter logistischer Regressionsanalyse ergab sich aber für die Patienten, die mit Tourniquet versorgt wurden eine OR von 5,86 (95%-KI: 1,41-24,47) für ein Überleben der Verletzung
  • Die Gefahr einer sekundären Amputation wurde durch das Tourniquet nicht erhöht: OR 1,82 (95%-KI: 0,36-9,99)
  • Thromboembolische Komplikationen waren in der Gruppe der Patienten ohne Tourniquet signifikant seltener: OR 0,44, 95%-KI: 0,21-0,95
  • Hinsichtlich kardialer oder pulmonaler Komplikationen, Intensivverweildauer, Krankenhausverweildauer gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen
  • Nur 35,7% aller Patienten, die traumatische Amputationsverletzungen erlitten haben, wurden prähospital mit einem Tourniquet versorgt.
  • Ein wichtiger Faktor, der das Ergebnis dieser Beobachtungsstudie möglicherweise verfälscht haben könnte, ist, dass die Rettungsteams, die prähospital ein Tourniquet eingesetzt haben, möglicherweise auch häufiger Hämostyptika etc. eingesetzt haben oder in der Trauma-Versorgung erfahrener waren.

Fazit für die Praxis:

  • Durch den prähospitalen Einsatz des Tourniquets kann die Wahrscheinlichkeit des Überlebens einer traumatischen peripheren Gefäßverletzung um den Faktor 6 erhöht werden
  • Insbesondere bei traumatischen Amputationsverletzungen wird das Tourniquet offenbar noch viel zu selten eingesetzt
  • Nach dem Einsatz eines Tourniquets (und oft noch Tranexamsäure) muss eine ganz besonders hohe Vigilanz hinsichtlich Thrombosen und Lungenembolien herrschen.

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