Ein Gastbeitrag von Marius Münch, Ulm Die prähospitale Traumaversorgung hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig weiterentwickelt und ist immer komplexer geworden. Invasive Prozeduren, wie prähospitale Bluttransfusionen, die Anlage arterieller oder zentralvenöser Zugänge oder die Durchführung einer Thorakotomie gehören zum Repertoir moderner Notfallmedizin, kosten jedoch Zeit und können somit den Transport in ein Krankenhaus verzögern.
Insbesondere bei penetrierenden Verletzungen oder unkontrollierten Blutungen kann jede zusätzliche Minute bis zur chirurgischen Versorgung den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.
In einer Studie von Gandolfi et al., erschienen im April 2026, wurde in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten der Einfluss solcher invasiver Prozeduren auf die Zeit am Einsatzort untersucht.
Gandolfi M, Bird F, Henry C et al.
The impact of advanced pre-hospital interventions on scene time.
Methodik:
Eine retrospektive Kohortenstudie aller Primäreinsätze bei Traumapatient:innen, die im Zeitraum 2005-2010 (Gruppe 1) und 2017-2021 (Gruppe 2) durch die London’s Air Ambulance (LAA) im Großraum London versorgt wurden. Dabei wurde zwischen stumpfen und penetrierenden Traumata unterschieden. Jedes Einsatzteam des LAA bestand aus mindestens einem Arzt und einem Notfallsanitäter, im späteren Untersuchungszeitraum meist ergänzt um einen weiteren Arzt oder Notfallsanitäter und war in der Lage, erweiterte medizinische Interventionen durchzuführen. Die Anfahrt zum Einsatzort erfolgte entweder bodengebunden oder per Hubschrauber. Primärer Endpunkt war die Zeit am Einsatzort (scene time).
Als erweiterte medizinische Interventionen wurden folgenden Prozeduren definiert:
- pre-hospital emergency anaesthesia (PHEA, Notfallnarkose)
- Bluttransfusion
- Anlage eines arteriellen oder zentralvenösen Zugangs
- Thorakostomie
- Thorakotomie
- resuscitative endovascular balloon occlusion of the Aorta (REBOA)
- advanced life support (ALS) bei traumatischem Kreislaufstillstand
Ausgeschlossen wurden Einsätze mit nicht-traumatischen Erkrankungen, einer Abbestellung vor Patientenkontakt, Einsätze mit fehlenden Zeitangaben und Patient:innen, die bereits am Einsatzort verstorben waren.
Die Datenerhebung erfolgte retrospektiv aus einer Datenbank und umfasste folgende Parameter:
- Patientendemografie
- Verletzungsmechanismus
- prähospitale Interventionen
- Teamgröße
- Transportmittel
- alle prähospitalen Zeitintervalle
Ergebnisse:
Insgesamt wurden in der Studie die Daten von 1.357 Patient:innen untersucht (Gruppe 1: 728 Patient:innen, Gruppe 2: 629 Patient:innen). Die durchschnittlich am Einsatzort verbrachte Zeit betrug bei der ersten Gruppe 22 Minuten und bei der zweiten Gruppe 20 Minuten.
Dabei hatte der Verletzungsmechanismus einen entscheidenden Einfluss. Im Durchschnitt betrug die Zeit an der Einsatzstelle bei stumpfen Traumata 25 Minuten, während es bei penetrierenden Traumata im Durchschnitt nur 10 Minuten waren.
Zusätzlich wurden bei stumpfen Verletzungsmechanismen deutlich mehr Interventionen durchgeführt. Dies zeigte sich in beiden Untersuchungszeiträumen. Es kam zu einem Anstieg der Gesamteinsatzdauer von Alarmierung bis zur Übergabe der Patient:innen von 59 auf 63 Minuten. Ursächlich hierfür waren längere Anfahrtszeiten zum Einsatzort und längere Transportwege in die Kliniken. In dem späteren Untersuchungszeitraum zeigte sich ein höheres Durchschnittsalter der Patient:innen und eine deutliche Zunahme penetrierender Traumata (24,2% auf 34,2%). Zusätzlich wurden in Gruppe 2 häufiger Interventionen durchgeführt (23,6% auf 29,4%).
Bei einem Großteil der Patienten wurde keine Intervention durchgeführt, hier lag die durchschnittliche Zeit am Einsatzort bei 17 Minuten. Jede durchgeführte Intervention führte zu einem proportionalen Anstieg der Zeit am Einsatzort, insofern dass jede einzelne Intervention die benötigten Einsatzzeit um 41% erhöhte. Die häufigste durchgeführte Intervention war die Notfallnarkose mit einer durchschnittlichen Dauer von 37 Minuten. Eine REBOA benötigte im Vergleich die meiste Zeit und dauerte im Durchschnitt 61 Minuten.
Diskussion:
Trotz der zunehmenden Zahl an durchgeführten Interventionen blieb die Zeit am Einsatzort in den beobachteten Zeiträumen annähernd gleich. Dabei hatte der Verletzungsmechanismus den größten Einfluss auf die verbrachte Zeit am Einsatzort. Bei penetrierenden Traumata verkürzte sich diese im Vergleich zu stumpfen Verletzungsmustern um die Hälfte. Dies lag an der Tendenz, penetrierende Verletzungen möglichst schnell einer chirurgischen Therapie zuzuführen.
Zwar konnte gezeigt werden, dass jede durchgeführte Intervention die Zeit am Einsatzort verlängerte, dies sollte aber nicht dazu führen, bestimmte Interventionen grundsätzlich zu vermeiden.Dies deckt sich auch mit den Ergebnissen von Kulla et al. [1] aus dem Jahr 2012, bei denen der Zeitbedarf für Narkose, Atemwegssicherung und Thoraxdrainage betrachtet wurde.
Patient:innen mit komplexen traumatischen Verletzungen benötigen naturgemäß mehr Interventionen, von denen einige im Einsatz auch parallel durchgeführt werden können und auch werden. Zudem erhöhen komplexe Verletzungsmuster, unabhängig von den durchgeführten Interventionen, automatisch die Zeit bis zum Abtransport. Es sollte vielmehr eine strenge Abwägung über Risiko und Nutzen der einzelnen Maßnahmen erfolgen. Wann profitieren Patient:innen von einer Intervention und wann sollte ein möglichst schneller Transport in ein geeignetes Krankenhaus erfolgen?
Somit ist in der prähospitalen Versorgung immer eine strenge Abwägung zwischen dem Nutzen einer Maßnahme und dem zu erwartenden Zeitverlust notwendig. Hier bedarf es weiterer Forschungen, welche Patientengruppen von komplexen Interventionen am meisten profitieren.
Literatur:
- , et al. Prehospital endotracheal intubation and chest tubing does not prolong the overall resuscitation time of severely injured patients: a retrospective, multicentre study of the Trauma Registry of the German Society of Trauma Surgery,