Wie aussichtsreich ist eine Reanimation im Pflegeheim?

GeriatrieEin Gastbeitrag von Marija Mladenovic und Ulf Harding, Wolfsburg:

Reanimationen in Pflegeeinrichtungen sind oft mit hohen Risiken und Belastungen für die Pflegeheimbewohner verbunden. Bei einem Reanimationsversuch stellt eine fehlende Vorausverfügung für alle daran Beteiligtenein großes Problem dar, da es dann zu einer Über- oder Unterversorgung des Patienten kommen kann. Bei einem unterlassenen Reanimationsversuch würde der Patient unweigerlich versterben, bei einem Versuch gegen den Willen des Patienten würde die Patientenautonomie nicht beachtet werden.

Um Vorausentscheidungen nicht nur für den Fall einer erforderlichen Reanimation treffen zu können, wurde das Konzept des Advance Care Planning (APC) entwickelt. APC basiert auf einer qualifizierten und fakten-orientierten Risikokommunikation mit Patienten oder ihren Vertretern. Jedoch stehen für Deutschland kaum Daten über die Chancen und Risiken von Reanimationsversuchen in Pflegeeinrichtungen zur Verfügung. Um eine Grundlage zu schaffen, die Pflegeheimbewohner oder ihre Vertreter befähigt, über die Durchführung eines Reanimationsversuches im Sinne des ACP zu entscheiden, wurden die Daten des Deutschen Reanimationsregisters in der Studie von Günter und Kollegen ausgewertet. Das Outcome wurde in Form von „Faktenboxen“ visualisiert.

Günter A. et al. Chancen und Risiken von Reanimationsversuchen in Pflegeeinrichtungen. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 757–63. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0757 (PDF)

Eine kurze Zusammenfasung der Arbeit:

  • Retrospektive Auswertung von Daten des Deutschen Reanimationsregisters über Reanimationsversuche anhand relevanter Endpunkte (s. unten) im Zeitraum von 2011-2018
  • Ausgeschlossen wurden Versorgungsbereiche, für die weniger als 60% der Weiterversorgungsdaten verfügbar waren
  • Studiengruppe bildeten alle Patienten mit einem Mindesalter von 65 Jahren und CPR in einer Pflegeeinrichtung
  • Subgruppen wurden für „Hochbetagte“ ab 85 Jahren und „junge Alte“ von 65-84 Lebensjahren gebildet
  • Weitere Subgruppen wurden für die Einsatzsituationen „beobachteter Kollaps“ und „Defibrilierbarkeit des ersten abgeleiteten EKG-Rhythmus“ gebildet
  • Als Kontrollgruppe wurden Patienten ab 18 Lebensjahren von anderen Einsatzorten aus dem gleichen Zeitraum betrachtet und weiter in 3 Subgruppen eingeteilt: Altersstufen 18-64 Jahre, 65 bis 84 Jahre, ab 85 Jahre

Als Studienendpunkte wurden zur Beschreibung des Outcomes etablierte Endpunkte des Deutschen Reanimationsregisters gewählt:

  • Lebendentlassung mit „cerebral performance category“ (CPC) 1 oder 2
  • Lebendentlassung mit unbekannter CPC
  • Lebendentalssung mit CPC 3 oder 4
  • Tod im Krankenhaus später als 30 Tage nach CPR
  • Tod im Krankenhaus 24 Stunden bis 30 Tagen nach CPR
  • Tod im Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden nach CPR
  • Tod ohne Krankenhauszuweisung

Ergebnisse:

In die Studengruppe wurden 2900 Patienten eingeschlossen mit einem Durchschnittsalter von 83,7 Jahren (männlich 39,1 % und weiblich 60,9%).

  • Lebend entlassen wurden 118 (4,0%), davon 64 (2,2%) mit CPC 1 oder 2; 30 (1%) mit unbekannter CPC und 2,4 (0,8%) mit CPC 3 oder 4.
  • Im Krankenhaus verstarben 902 (31,1%) Patienten, davon 5 (0,2%) nach Tag 30; 279 (9,6%) nach 24 Stunden bis Tag 30 und 618 (21,3%) innerhalb von 24 Stunden nach CPR.
  • Am Einsatzort verstarben 1880 (64,8%) Patienten.
  • In 1056 (36,4%) Fällen wurde die CPR vor Ankunft des Rettungsdienstes begonnen.
  • In der Subgruppe „initial defibrilbar“ wurden 13 von 208 (6,3%) Patienten lebend mit einer CPC 1 oder 2 entlassen.

Fazit:

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen die Häufigkeit möglicher Outcomes von Reanimationsversuchen in Pflegeeinrichtungen in Deutschland. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Überlebens mit gutem neurologischen Ergebnis mit ca. 2 % für Pflegeheimbewohner deutlich unter den ca. 10% der Vergleichsgruppe liegt, sind Reanimationsversuche in Pflegeeinrichtungen nicht per se aussichtslos. Prognostisch günstig sind auch bei Pflegeheimbewohnern ein beobachteter Kollaps sowie ein defibrillierbarer erster EKG-Rhythmus.

Die Daten der Arbeit von Günther et al. bieten eine wichtige Grundlage, die von Pflegeheimbewohnern oder ihren Vertretern betrachtet werden kann, um über eventuelle Wiederbelebungsmaßnahmen im Voraus entscheiden zu können.

Eine Verzögerung von Wiederbelebungsversuchen aufgrund unklarer Vorausverfügung korreliert mit einem ungünstigen Outcome. Hier weist die Untersuchung auf bestehende Unsicherheiten des Personals in den Pflegeheimen hin, da in 64% der Fälle ein Reanimationsversuch erst durch den Rettungsdienst begonnen wurde. Diese Diskrepanz bedarf weiterer Untersuchungen, da entweder potentiell rettbare Patienten einen Schaden durch unterlassene Ersthelfermaßnahmen erleiden könnten oder der Rettungsdienst unter dem Stichwort eines Reanimationsereignisses fälschlich zu einem sterbenden Menschen alarmiert wird.

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