Entwicklung von Rettungsdiensteinsätzen in den letzten Jahren

StatistikDie Entwicklung des Einsatzspektrum im prähospitalen Rettungswesen ist immer einen ganz besonderen Blick wert. Die Kollegen des Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Klinikum der Universität München, Ludwig-Maximilians-Universität, haben sich aktuell ganz intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt:

Sieber F, et al. Entwicklung der Frequenz und des Spektrums von Rettungsdiensteinsätzen in Deutschland. Notfall Rettungsmed 2020; online, Open Access PDF

Anbei eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte und Erkenntnisse:

  • Notfallrettung verzeichnet seit langem kontinuierlich steigende Einsatzzahlen
  • in ganz Deutschland hat sich das Einsatzfahrtaufkommen in der Notfallrettung von 1994-2013 mit jährlichen Steigerungsraten von 5% auf etwa 9,8 Mio. Fahrten fast verdoppelte
  • demografischen Entwicklung (Mobilität und Multimorbidität) ist mit einer Kostensteigerung für das das System Notfallrettung verbunden
  • bezogen auf die jeweilige Bevölkerungszahl (z.B. Bayern) entspricht dies einer Zunahme von 57 Notfallereignissen je 1000 Einwohner auf 81 Notfallereignisse je 1000 Einwohner
  • Zunahme im Bereich der Notfallrettung fällt damit deutlich höher aus als im Bereich des qualifizierten Krankentransports (Steigerungsrate von 20% auf rund 850.000 Krankentransporte, bezogen auf die Bevölkerung entspricht dies nur einem Anstieg von 57 Krankentransporten auf 66 Transpor te je 1000 Einwohner)
  • Anstieg der Notfälle in ländlichen Gebieten mit 8% jährliche Zunahme höher war als in Städten
  • deutliche Unterschiede zeigt die Entwicklung der Notarztbeteiligung (etwa 40%), da die Steigerung der Notfalleinsätze ohne Notarztbeteiligung bei rund 87 %  liegt und die Ereignisse mit Beteiligung eines Notarztes nur bei 13%

Ursachenforschung:

  • aber nur knapp ein Viertel der jährlichen Steigerungsraten der Notfallzahlen kann durch demografische Faktoren erklärbar werden
  • Wirkliche weitere Faktoren sind:
    • Abnahme der Hemmschwelle, einen Notruf abzusetzen
    • Anspruchsdenken des Hilfesuchenden
    • fehlende Verfügbarkeit alternativer medizinischer Dienstleistungen
    •  individuelle sozioökonomische Faktoren

Wandel des Einsatzspektrums:

  • Anstieg des Durchschnittsalters (höherer Anteil älterer Patienten)
  • höherer Anteil nichttraumatologischer Einsatzgründe
  • sinkender Anteil traumatologischer Einsatzgründe
  • Anstieg schwerer und lebensbedrohlicher Ereignisse (absolute Anzahl lebensbedrohlich und schwer verletzter Patienten um das 1,5 bis 3-Fache angestiegen) und dies sowohl im im bodengebundenen Rettungsdienst und auch in der Luftrettung
  • Entwicklung führte zu einer Ausweitung der Tracerdiagnose auf
    • Schlaganfall
    • schweres Schädel-Hirn-Trauma
    • Schwerverletzte/Polytrauma
    • ST-Hebungsinfarkt
    • Reanimation bei plötzlichem Kreislaufstillstand
    • Sepsis
  • Sepsis und Reanimation haben wachsenden Stellenwert in der Notfallmedizin
  • interessanterweise war der Anteil transportierter, aber anschließend ambulant behandelter Patienten fast 40%, ambulante Behandlung von Notfallpatienten ist essenzieller Bestandteil des Rettungswesens, daher sind auch Notfalleinsätze ohne Klinikeinweisung oder Patiententransport relevant (–>Hilfeleistung für den Hilfesuchenden)
  • intravenöser Zugangs und die Medikamentengabe sind die am meisten verbreiteten Interventionen
  • notfallmedizinischen Maßnahmen wie Reanimation und Intubation nur in 1–2%

Schlussfolgerung der Autoren:

  • Rettungswesen verändert sich: Stetig steigende Einsatzzahlen in ganz Deutschland, ein alterndes Patientenklientel sowie ein Anstieg nichttraumatologischer Einsatzgründe und der Rückgang traumatologischer Einsatzgründe sind erkennbar.
  • Sektorenübergreifende (Rettungsdienst, Notarzt und Klinik) Datenerhebung und -auswertung sind notwendig, um die Versorgungsqualität im Rettungsdienst auswerten und sichern zu können, beispielsweise im Rahmen eines Notfallregistern.
  • Dem anhaltenden Anstieg der Einsatzzahlen im Bereich der Notfallrettung kann nicht durch ein bloßes Ausweiten der Rettungsmittelvorhaltung begegnet werden. Insbesondere alternative, in die gesetzlichen Rahmenbedingungen eingebettete Dienstleistungen sowie ein präventiver Ansatz bergen großes Potenzial zur Entlastung des Rettungsdiensts und nicht zuletzt einer zielführenden Patientensteuerung.

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