Blutdruckziel nach Reanimation

Ein Beitrag von PD Dr. Jürgen Knapp, Bern/Schweiz:

Ein Problem, vor dem man vor allem in der Intensivmedizin immer wieder steht, ist das Blutdruckziel von Patienten, die nach akutem Myokardinfarkt reanimiert werden mussten und sich noch im kardiogenen Schock befinden: Sollte man durch Katecholamine eher einen hohen Blutdruck anstreben, um so über einen höheren diastolischen Druck die koronare Perfusion zu verbessern, oder schadet man dem Myokard eher durch die vermehrte myokardiale Belastung und den damit erhöhten Sauerstoffbedarf, sowie durch eine mögliche Induktion von Arrhythmien?

Eine Arbeit aus dem Journal of the American College of Cardiology versucht diese Frage zu beantworten.

Ameloot K et al. Optimum Blood Pressure in Patients With Shock After Acute Myocardial Infarction and Cardiac Arrest. JACC 76(7); DOI: 10.1016/j.jacc.2020.06.043

Die Studie kurz zusammengefasst:

  • Die Arbeit nutze die gepoolten Daten aus zwei vorigen Studien, die beide die verschiedenen Blutdruckziele nach erfolgreicher Reanimation untersuchten, die COMACARE-Studie (mit 123 Patienten) und die Neuroprotect-Studie (mit 112 Patienten).
  • Von diesen 235 reanimierten Patienten waren 120 Patienten im Schock und hatten einen akuten Myokardinfarkt erlitten.
  • 58 Patienten wurden in den beiden Studien mit einem Ziel-MAD von 80-100 bzw. 85-100 mmHg behandelt, 62 Patienten mit einem Ziel-MAD von 65 mmHg
  • der primäre Endpunkt war die Fläche unter der 72-Stunden-TroponinT-Kurve als Parameter für den myokardialen Schaden
  • die hämodynamischen Parameter bei Aufnahme auf die Intensivstation und die Befunde der Coronarangiographie waren in beiden Gruppen vergleichbar
  • die Patienten in der MAD 80/85-100-Gruppe benötigten – wenig überraschend – mehr Noradrenalin und mehr Dobutamin als die Patienten in der MAD 65-Gruppe
  • der myokardiale Schaden war in der Gruppe der Patienten mit höherem MAD etwas geringer als in der Gruppe der Patienten mit einem MAD von 65 mmHg: 1,14 µg*72 h/l (0,35-2,31) vs. 1,56 µg*72 h/l (0,61-4,72), p=0,04
  • die Rate an Patienten, die erneut einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten oder ins Vorhofflimmern gerieten, war in beiden Gruppen vergleichbar
  • der Anteil der Patienten, die nach 180 Tagen mit gutem neurologischem Behandlungsergebnis überlebt haben, war statistisch vergleichbar in beiden Gruppen: 65% in der MAD 80/85-100-Gruppe und 53% in der MAD 65-Gruppe, odds ratio 1,55 (95%-Konfidenzintervall: 0,74-3,22)

Fazit:

Offenbar kann der myokardiale Schaden bei nach akutem Myokardinfarkt reanimierten Patienten durch das Anstreben eines eher höheren MAD (80 bis 100 mmHg) reduziert werden. Ob die Patienten klinisch davon profitieren, ist jedoch noch unklar.

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