Telefon-Triage und klinische Ersteinschätzung

Ankunft NotaufnahmeDer „lange Tresen“ ist in aller Munde, aber wie richtig ersteinschätzen und trainieren. Bernhard Kumle und Kollegen geben hierzu einen Überblick:

Kumle B et al. Telefon-Triage und klinische Ersteinschätzung in der Notfallmedizin zur Patientensteuerung. One size fits all? Notfall Rettungsmed 2019, https://doi.org/10.1007/s10049-019-0622-0

Seit wenigen Monaten wird im Rahmen des sog. DEMAND-Projektes das neues Ersteinschätzungstool „SmED“ (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) im Auftrag der kassenärztlichen Bundesvereinigung getestet. Hintergrund dessen ist, dass aufgrund überfüllter Notaufnahmen die Politik und die Fachverbände von einer Fehlsteuerung der Patientenströme in die zuständigen Sektoren der ambulanten und stationären Notfallversorgung ausgehen. Durch SmED soll eine Ersteinschätzung und eine Zuweisung in den richtigen Sektor erreicht werden. SmED basiert auf dem Schweizer Telefontriagesystem SMASS und wurde für deutsche Verhältnisse modifiziert. Es soll in Deutschland aber nicht nur zur Telefontriage eingesetzt werden, sondern auch am „gemeinsamen Tresen“ der Notfallzentren.

Aus Sicht der klinischen Notfallmedizin ist dieses Ersteinschätzungssystem für den Niedrigrisikobereich Praxis und nicht für den Hochrisikobereich Notfallzentrum entwickelt und evaluiert worden. Aufgrund medizinischer und rechtlicher Bedenken wird das System in der bisherigen Form an einem gemeinsamen Tresen deshalb von Notfallmedizinern abgelehnt. Vielmehr halten die Notfallzentren die qualifizierte Triage auf der Basis einer pflegegestützten Erstsichtung mittels validierter Ersteinschätzungssysteme (z.B. das Manchester Triage System [MTS] oder der Emergency Severity Index [ESI]) gerade am gemeinsamen Tresen für praktikabel und haftungsrechtlich sicher.

Die Autoren stellen in dem o.g. Artikel die Sicht der Notfallmediziner dar und weisen auf die Gefahren der Einführung eines Systems für alles hin. Das Fazit der Autoren:

  • Die bisherigen klinischen Ersteinschätzungssysteme (z. B. das ManchesterTriage System [MTS] oder der Emergency Severity Index [ESI]) sind geeignet und wissenschaftlich validiert, um Hochrisikopatienten zu erkennen.
  • Es gibt bisher keine Untersuchungen zu einem validierten deutschen Ersteinschätzungssystem, das eine Zuordnung in einen der beiden Sektoren, ambulant oder stationär, wissenschaftlich valide untersucht hat.
  • Weder das schweizerische System SMASS noch die strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) sind bezüglich Mortalität, anderer Parameter oder notwendigem Versorgungslevel wissenschaftlich validiert worden.
  • Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) legt mit den beiden Kriterien „Ersteinschätzung aller Patienten in 10 min“ und „Verwendung eines validierten Ersteinschätzungssystems“ Kriterien fest, die durch das zukünftige SmED-System von vornherein nicht gegeben sind.
  • Eine Zuordnung in die Sektoren scheint im Niedrigrisikobereich durch eine Telefon-Triage möglich.
  • Die Umsetzungsverantwortung von SmED an einem gemeinsamen Tresen ist bisher nicht geklärt.
  • Eine Zuordnung in die Sektoren durch SmED ist im Hochrisikobereich einer Notaufnahme nicht möglich und kann nicht die Dringlichkeitseinschätzung in der Notaufnahme ersetzen.
  • Die Ersteinschätzung im Hochrisikobereich sollte nur durch qualifizierte Notfallpflegekräfte durchgeführt werden.
  • Wenn eine Sektorenzuordnung durch ein Ersteinschätzungssystem erfolgt, muss gewährleistet sein, dass danach die Weiterverweisung des Patienten sicher ist und bundesweit im nachfolgenden Sektor die gleichen Diagnostik- und Versorgungsstandards  gelten.

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