Clinical Decision Unit: Wie die Notaufnahme stationäre Betten entlasten kann

Notaufnahmen sind längst mehr als reine Aufnahme- und Verteilungsstellen. Diagnostik, Akuttherapie und klinische Entscheidungsfindung finden zunehmend direkt in der Notaufnahme statt. Doch welchen Einfluss hat eine solche fallabschließende Versorgung auf die stationären Krankenhauskapazitäten?

Dieser Frage ist eine Arbeitsgruppe um Richard Köhnke, Linus Pinkernell und Philipp Kümpers vom Universitätsklinikum Münster gemeinsam mit Kolleg aus Düsseldorf nachgegangen:

Köhnke R, Pinkernell L, et al. Clinical Decision Unit in der interdisziplinären Notaufnahme – Systemanalyse eines klinischen Entscheidungsmodells zur Steuerung stationärer Versorgung. Med Klin Intensivmed Notfmed. 2026. Link zur Originalarbeit: https://doi.org/10.1007/s00063-026-01507-5

In einer retrospektiven Kohortenstudie wurden die Versorgungswege von 17.001 erwachsenen, nichttraumatologischen Patient untersucht, die im Jahr 2024 in der interdisziplinären Notaufnahme des Universitätsklinikums Münster behandelt wurden.

Von diesen wurden 10.327 Patient (60,7 %) im sogenannten Clinical-Decision-Unit-Modell stationär geführt. Bemerkenswert ist, dass bei 3.880 Patient (37,6 %) die Behandlung bereits innerhalb der Notaufnahme fallabschließend erfolgen konnte. Davon wurden 3.353 direkt entlassen, 499 in externe Kliniken verlegt und 28 verstarben in der Notaufnahme. Die übrigen 6.447 Patient wurden in eine Fachabteilung des Universitätsklinikums übernommen.

Dabei handelte es sich keineswegs ausschließlich um Patient mit geringem Versorgungsbedarf. Die fallabschließend behandelten Patient verblieben im Median 9,6 Stunden in der Notaufnahme. Bei 36,2 % erfolgte eine Computertomographie, bei 35,6 % eine Point-of-Care-Sonographie und 7,0 % wurden im nichttraumatologischen Schockraum versorgt. Der diagnostische und therapeutische Ressourcenbedarf war insgesamt mit dem der anschließend stationär übernommenen Patient vergleichbar.

Besonders interessant ist die simulationsbasierte Analyse der stationären Bettenkapazitäten: Ohne das Clinical-Decision-Unit-Modell wären rechnerisch 5.485 zusätzliche Belegungstage auf den Normalstationen angefallen. Nach Abzug des innerhalb der Notaufnahme gebundenen Bettenbedarfs verblieb eine Nettokapazitätsdifferenz von 4.191 Belegungstagen pro Jahr – entsprechend durchschnittlich 11,5 stationären Betten.

Das Besondere an dem beschriebenen Modell ist, dass die Clinical Decision Unit nicht primär als räumlich abgegrenzte Beobachtungsstation verstanden wird. Vielmehr handelt es sich um einen strukturierten klinischen Entscheidungsprozess mit frühzeitiger Diagnostik und Therapie, wiederholter interprofessioneller Reevaluation und klarer oberärztlicher Entscheidungsverantwortung durch einen Emergency Physician in Charge (EPIC).

Die Ergebnisse zeigen das Potenzial einer aktiven, fallabschließenden notfallmedizinischen Versorgung. Allerdings handelt es sich um eine retrospektive Single-Center-Studie; die berechnete Bettenentlastung beruht auf einer Simulation und ist kein kausaler Wirksamkeitsnachweis. Auch längerfristige Patientenoutcomes, beispielsweise Rehospitalisierungen und 30-Tage-Mortalität, wurden nicht systematisch untersucht.

Fazit: Die Arbeit verdeutlicht, dass eine moderne Notaufnahme nicht nur Patient für die stationäre Weiterbehandlung vorbereitet, sondern einen relevanten Teil der Krankenhausversorgung selbst abschließen kann. Voraussetzung sind qualifizierte interprofessionelle Teams, ausreichende diagnostische und therapeutische Ressourcen sowie klare klinische Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig liefert die Studie wichtige Argumente dafür, den erheblichen personellen und infrastrukturellen Aufwand dieser Versorgungsmodelle auch in zukünftigen Vergütungsstrukturen angemessen abzubilden.

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