Infektionsrisiko bei der Intubation von COVID-19-Erkrankten

Ein Gastbeitrag von Holger Gässler, Ulm         Der Hauptübertragungsweg des SARS-CoV-2 ist aerogen. Gerade bei aerosolproduzierenden medizinischen Maßnahmen wird daher für das behandelnde Personal eine adäquate Schutzausstattung empfohlen (gemäß WHO: mind. FFP2-Maske, Augenschutz, Kittel, Handschuhe). Wie hoch das Risiko für medizinisches Personal ist, sich bei der endotrachealen Intubation eines COVID-19-Patienten zu infizieren, ist allerdings noch unklar. El-Boghdadly und Kollegen aus London haben zur Untersuchung dieser Fragestellung die Daten eines neu geschaffenen Registers (intubateCOVID registry) in einer prospektiven, multizentrischen Studie ausgewertet, die jetzt zur Publikation in der Zeitschrift Anaesthesia angenommen wurde.

www.news-papers.eu
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El-Boghdadly K, et al.

Risks to healthcare workers following tracheal intubation of patients with COVID-19: a prospective international multicentre cohort study.

Anaesthesia 2020. doi: 10.1111/anae.15170

 

Die Studie kurz zusammengefasst:

Methodik:

  • Prospektive, multizentrische Kohortenstudie in 17 Ländern
  • Datenerfassung mittels eines Registers (intubateCOVID registry) mit freiwilliger Teilnahme von medizinischem Personal, das an der Intubation mindestens eines Patienten mit COVID-Verdacht oder bestätigter Erkrankung beteiligt war
  • Erfassung von Details zu endotrachealen Intubationen (Indikation, Durchführung, Schutzausstattung, Erfolg) sowie im weiteren Verlauf von Informationen zu einer möglichen Infektion an COVID-19
  • Primärer Endpunkt war das Vorhandensein von COVID-19-typischen Symptomen, die zu einer Selbst-Isolierung geführt hatten, oder einer bestätigten COVID-19-Infektion (7, 14 und 21 Tage nach Intubation)

Ergebnisse:

  • In die Analyse gingen 5.148 endotracheale Intubationen von 1.718 Teilnehmern im Zeitraum Ende März bis Anfang Juni 2020 ein (im Median 2 Intubationen pro Teilnehmer).
  • Indikation für die Intubation war in 67,1% eine respiratorische Insuffizienz, bei 13,1% im Rahmen einer Operation.
  • Bei 87,9% der Intubationen wurde die Mindestanforderung der WHO für die persönliche Schutzausstattung erfüllt, in 64,2% der Fälle erfolgte die Narkoseeinleitung als Rapid Sequence Induction.
  • 10,7% der Teilnehmer erreichten den primären Endpunkt – davon 8,4% eine Selbst-Isolierung aufgrund von Symptomen (keine Testung auf SARS-CoV-2), 3,1% der Teilnehmer hatten eine laborchemisch bestätigte Infektion und 0,1% der Teilnehmer mussten aufgrund einer nachgewiesenen COVID-19-Erkrankung stationär im Krankenhaus behandelt werden.
  • Bei den Teilnehmern mit Symptomen, die sich ohne Testung einer Selbst-Isolierung unterzogen, lagen am häufigsten Müdigkeit (60,3%), Husten (55,4%) und Halsschmerzen (54,4%) vor.
  • Die Verwendung der von der WHO empfohlenen Schutzausstattung führte zu keiner signifikant veränderten Infektionsrate bzw. zum Erreichen des primären Endpunktes (OR 0,97, p=0,91).
  • Assistenzpersonal erreichte signifikant häufiger den primären Endpunkt als der Intubierende selbst (OR 1,49, p=0,01).

Interpretation:

  • Die hohe Gesamtrate an Teilnehmern, die den primären Endpunkt der Studie erreicht hatten, sollte vorsichtig bewertet werden, da hierzu auch neu aufgetretene Symptome ohne bestätigte COVID-19-Infektion gezählt wurden (8,4% vs. 3,2% bestätigte Infektionen). Die Ursachen für die insgesamt unspezifischen Symptome (wie bspw. Müdigkeit) können naturgemäß vielfältig sein.
  • Weiterhin liegt keine Kontrollgruppe zur Einstufung der Ergebnisse vor, ein möglicher Selektionsbias der Registerstudie kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Spannend ist, dass es (auch in der multivariaten Auswertung) mit und ohne Nutzung der empfohlenen persönlichen Schutzausstattung keine signifikanten Unterschiede im Infektionsrisiko gab. Hier muss allerdings angemerkt werden, dass die Teilnehmer – wenn auch nicht die gesamte empfohlene Schutzausstattung – größtenteils zumindest FFP2-Masken trugen. Die Autoren gehen auf diesen Punkt jedoch nicht detailliert ein.
  • Ebenfalls interessant ist, dass das Assistenzpersonal in der univariaten Auswertung signifikant häufiger den primären Endpunkt erreichte als der Intubierende selbst (der ja eigentlich dem Patienten am nächsten kommt). Auch hierzu liefern die Autoren keinen Erklärungsansatz.
  • Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass die Studie keine Antwort zu einer möglichen Kausalität geben kann. Selbstverständlich hatten alle Teilnehmer auch außerhalb ihrer Arbeit verschiedenste Kontakte (Öffentlichkeit, privater Haushalt), in denen eine Übertragung des SARS-CoV-2 ebenfalls möglich oder vielleicht sogar wahrscheinlicher war. Dieser Faktor kann mangels entsprechender Daten (z.B. nachgewiesene Infektionen im jeweiligen Haushalt) allerdings nicht in die Untersuchung mit einfließen.

Fazit: Die Studie und ihre Ergebnisse dürfen gerne mit Interesse zur Kenntnis genommen werden. Allerdings sollten sowohl die hohe Gesamtrate wie auch die in der Diskussion abgeleiteten Konsequenzen der Autoren aufgrund einer Vielzahl an offenen Fragen und ungeklärten Punkten eher zurückhaltend bewertet werden.

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