Der „Triple F“-Algorithmus beim Harnwegsinfekt

In der Akut- und Notfallmedizin ist die Differenzierung zwischen asymptomatischer Bakteriurie (ABU) und klinisch relevanten Harnwegsinfektionen (HWI), teils mit systemischer Auswirkung, eine Herausforderung.

Rothe K et al. A diagnostic algorithm for detection of urinary tract infections in hospitalized patients with bacteriuria: The “Triple F” approach supported by Procalcitonin and paired blood and urine cultures. PLoS ONE 15(10): e0240981. https://doi.org/10.1371/journal. pone.0240981

Die Autoren führten daher eine retrospektive Analyse von Patientenvorstellungen in einer universitären Notaufnahme zwischen 10/2013 und 07/2018 durch, die die folgenden Einschlusskriterien erfüllten:

  • vermutete Harnwegsinfektion
  • gleichzeitiger Entnahme von gepaarten Urin- und Blutkulturen („PUB“)
  • und Bestimmung des Biomarkers Procalcitonin (PCT)

Es wurde ein Algorithmus auf der Grundlage der Klinik und des PCT für die Behandlung von vermuteten HWI entwickeln. Einzelne Patientenvorstellungen wurden retrospektiv durch einen klinischen „Triple-F“-Algorithmus (https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240981.t001)

  • F1: „Fieber“
  • F2: „Organversagen“
  • F3: „Fokus“

mit Unterstützung von PCT und Blutkulturen ausgewertet. 183 Patienten der Notaufnahme erfüllten die o.g. Einschlusskriterien. Die Autoren führten den Begriff Urinary-Tract-Infection „UTI“ mit systemischer Beteiligung (SUTI) mit drei Graden diagnostischer Sicherheit ein:

  • bakteriämische UTI (24,0%; 44/183),
  • wahrscheinliche SUTI (14,2%; 26/183) und
  • mögliche SUTI (27,9%; 51/183).

Ergebnisse:

  • Bei bakteriämischer HWI stellte sich die Hälfte der Patienten (54,5%; 24/44) ohne urigenitale Symptome vor.
  • Eine diskordante Bakteriämie wurde bei 16 Patienten (24,6% aller bakteriämischen Patienten) diagnostiziert.
  • Ein alternativer Focus wurde bei 67 Patienten identifiziert, wobei bei fünf Patienten eine S. aureus-Bakteriämie diagnostiziert wurde.
  • Bei 62 Patienten wurde ein mögliche HWI (n = 20) oder ABU (n = 42) diagnostiziert.
  • Unter Verwendung des vorgeschlagenen „Triple-F“-Algorithmus hatte die PCT-Grenze von <0,25 pg/ml einen negativen Vorhersagewert von 88,7% für eine Bakteriämie.

Die Anwendung des Algorithmus von Rothe et al. hätte zu einer Reduktion der Abnahme von Blutkulturen um 33% führen können. Die Verwendung der diagnostischen Kategorien „wahrscheinlich“ oder „mögliche“ SUTI als Auslöser für die Einleitung einer antimikrobiellen Behandlung hätte in 31% bzw. 59% der Fälle zu einer Reduzierung oder Rationalisierung der Antibiotikagabe geführt.

Schlussfolgerung: 

Der „3F“-Algorithmus in Einklang mit PCT und gepaarten „Urinkulturen und Blutkulturen“ ist bei aus der Notaufnahmee hospitalisierten Patienten ein wertvolles Hilfsmittel zur Diagnose von Harnwegsinfektionen mit systemischer Beteiligung. Er ist besonders hilfreich bei der Diagnose Harnwegsinfekt-assoziierter Bakteriämie, wenn keine urogenitalen Beschwerden vorliegen. Der einfache Algorithmus unterstützt den Arzt in der Notaufnahme direkt bei der diagnostischen Beurteilung und dem klinischen Management und berücksichtigt auch afebrile Präsentationen und Organdysfunktionen als einzige Manifestation einer systemischen Infektion. Darüber hinaus könnte der Einsatz von PCT mit einem vordefinierten Schwellenwert zu einer Reduzierung unnötiger Blutkulturen führen und somit eine rechtzeitige, kostengünstige und sichere Option für Patienten der Notaufnahme darstellen. Der „3F“-Algorithmus kann auch als ABS-Instrument eingesetzt werden. Die Einführung der Begriffe „wahrscheinliche SUTI“ und „mögliche SUTI“ und die Definition des Schwellenwertes für den Beginn einer Antibiotikagabe könnte zu einer Reduzierung und Rationalisierung der antimikrobiellen Anwendung bei bakteriurischen Patienten der Notaufnahme führen.

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