Aggressive Patienten und Erregungszustände

Immer wieder sind Notfallmedizinerinnen und Notfallmedizin mit aggressiven Patienten oder Patienten in Erregungszuständen konfrontiert. Was also machen? Sophie Hirsch aus Ulm hat dazu nun einen Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt publiziert:

Hirsch S, et al. Medikamentöse Notfallbehandlung psychomotorischer Erregungszustände und aggressiven Verhaltens. Dtsch Arztebl Int 2019; 116(26): 445-52; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0445 (PDF)

Hier nun eine kurze Zusammenfassung:

  • Die Indikation zur medikamentösen Behandlung aggressiven Verhaltens ergibt sich aus einer zugrundeliegenden Erkrankung.
  • Vital gefährdende oder rasch behebbare Ursachen (z.B. Hypoglykämie,  hirnorganische Erkrankung) sollten vor einer Behandlung ausgeschlossen werden (Medical Clearance).
  • Eine orale MedikationWenn sollte wann immer möglich im Einvernehmen mit dem Patienten angestrebt werden.
  • Antipsychotika und Benzodiazepine sind wirksam in der Behandlung aggressiver Erregungszustände.
  • Haloperidol als Monotherapie sollte bei nicht-intoxikierten Patienten nicht mehr verwendet werden.
  • Da Antipsychotika wegen unerwünschter kardialer Arzneimittelwirkungen (Torsades de pointes) nicht mehr zur i.v. Gabe zugelassen sind, werden sie tief intramuskulär verabreicht. Dabei sollte aus ethischen Gründen auf eine Entkleidung unter Zwang verzichtet werden. Bei Behandlung mit Antikoagulanzien darf nicht  i.m. injiziert werden.
  • In der Praxis ist der Umgang mit Alkoholvergiftungen und zunehmend auch mit deliranten Zuständen nach dem Konsum amphetaminähnlicher Substanzen (sog. Badesalze oder Crystal) eine Herausforderung.

Auch wenn die Gabe eines Medikaments gegen den Willen des Patienten erfolgen muss und eine ausführliche Aufklärung des Patienten mit anschließender Einwilligung nicht mehr möglich ist, ist es wichtig, mit dem Patienten im Gespräch zu bleiben, dabei helfen folgende Eckpunkte:

  • Rollenerläuterung: „Als Arzt muss ich Schaden von Ihnen und anderen abwenden, ich muss Ihnen deshalb jetzt ein beruhigendes Medikament verabreichen“
  • Wirkungsweise erklären: „Ich gebe Ihnen jetzt ein beruhigendes Medikament. Es heißt „…“ . Es führt nur dazu, dass Sie innerlich ruhiger werden und wieder Kontrolle über Ihr Handeln gewinnen, Sie verlieren nicht das Bewusstsein.“
  • Wahlmöglichkeiten: „Sie sind in einem gefährlichen Ausnahmezustand, der eine medizinische Behandlung mit einem beruhigenden Mittel erfordert. Möchten Sie es lieber als Spritze oder Tablette einnehmen?“ (Wer über die Auswahl von Medikamenten diskutiert, ist bereits im Gespräch und weniger aggressiv.)
  • „Erfahrene Patienten“ in die Wahl des Medikaments einbeziehen: „Sie müssen jetzt ein Medikament einnehmen. Möchten Sie lieber Medikament A oder B haben? Was hat Ihnen in der Vergangenheit besser geholfen?“
  • Vermeiden Sie:
    • Handeln über den Patienten hinweg: Erfahrungsgemäß unterbleibt das Reden mit dem Patienten in Stresssituationen häufig. Umso wichtiger ist es, aktiv an die Kommunikation in dieser Situation zu denken.
    • Den Eindruck von Machtausübung oder Bestrafung vermitteln: Machen Sie klar, dass es sich um eine medizinische Maßnahme zum Schutz des Patienten handelt, die ihm helfen soll, die Kontrolle über sich wieder zu erlangen.

Bitte beachten Sie auch die Tabellen mit Dosierungangaben und den assoziierten Warnhinweisen in diesem Beitrag (Link).

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