HAES 6% 130/0,4 war über Jahrzehnte der Standardvolumenersatz beim blutenden Traumapatienten. Hinweise auf mögliche Nierenschädigung und der unkritische Einsatz führten über jährlich vorgeschriebene Schulungsmaßnahmen zum Verzicht auf dieses kolloidale Volumenersatzmittel in der Traumaversorgung.
Nun hat eine Arbeitsgruppe in den Niederlanden die Effekte von HAES 6% 130/0,4 prospektiv beim perioperativen Einsatz in der Bauchchirurgie überprüft:
Buhre W, Díaz-Cambronero Ó, Schaefer S et al.
Safety and efficacy of 6% hydroxyethyl starch in patients undergoing major surgery: The randomised controlled PHOENICS trial.
Methodik
Randomisierte Doppelblindstudie an 53 Kliniken in 10 europäischen Ländern mit Unterstützung der EMA von 2017 bis 2022. Eingeschlossen wurden 1958 Patienten im Alter von 40 bis 85 Jahren mit abdominalchirurgischem Eingriff und erwartetem Blutverlust von mehr als 500 ml; ausgeschlossen wurden Patienten mit vorbestehenden Nierenerkrankungen. Das Infusionsvolumen wurde anhand des mittleren arteriellen Drucks mit max. 30ml / kgKG gesteuert.
977 Patienten in der HAES-Gruppe erhielten perioperativ (also während des Eingriffs bis max. 24 Std. postoperativ) HAES 6% 130/0,4
981 Patienten in der Kontrollgruppe erhielten im gleichen Zeitraum eine identische Menge balancierte kristalline Elektrolytlösung
Geprüft wurde die Nichtunterlegenheit von HAES 6% 130/0,4 im Vergleich zur kristallinen Lösung. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der glomerulären Filtrationsrate innerhalb der ersten drei postOP-Tage; sekundäre Endpunkte waren u.a. hämodynamische Parameter, Gerinnungsstatus, Flüssigkeitsbilanz.
Ergebnisse
Eine akute Niereninsuffizienz trat in beiden Gruppen gleich häufig auf (nach 3, 28 u. 90 Tagen): 9 Pat. in der HAES-Gruppe und 10 Pat. in der Kontrollgruppe benötigten ein Nierenersatzverfahren. Die 90-Tage-Mortalität betrug in beiden Gruppen 3%. Eine Follow-up-Untersuchung nach 12 Monaten ergab in beiden Gruppen jeweils einen weiteren Patienten eine Niereneratztherapie. Die Gesamtmortalität betrug in der HAES-Gruppe 8,6 % und in der Kontroll-Grp. 10,1 %.
Während sich die intraoperative Infusionsmenge nur gering unterschied (1,2 +/- 0,7 l HAES vs. 1,4 +/- 0,8 l kristallin) war die postopative Flüssigkeitsbilanz bis zum nächsten Morgen in der HAES-Grp geringer (0,6 +/- 2,9 l HAES vs. 1,2 +/- 2,7 l kristallin, p=0,0002). Der Anteil der Patienten mit Katecholaminbedarf war in der HAES-Grp signifikant niedriger (26 vs. 35 %, p<0,0001)
Fazit
Mit diesen Ergebnissen ist die Gabe von HAES einer kristallinen Infusionstherapie nicht unterlegen und könnte zukünftig wieder für den Ausgleich eines akuten Volumenverlustes durch Blutung (mit max 30 ml / kgKG) zur Verfügung stehen.
Lieber Björn,
vielen Dank für die Darstellung der Ergebnisse der Studie von Buhre et al. In dieser Studie wurde wieder gezeigt, was schon seit Jahren bekannt ist. Der Einsatz von HAES 6% bei Patienten ohne Volumenmangel ist mehr oder weniger unbedenklich. Das konnten wir in unserer Klinik schon Anfang der 2000`er perioperativ zeigen. Was wir aber auch zeigen konnten, ist die Tatsache, dass die Probleme von Kolloiden bzw. HAES bei Patienten mit bestehendem Volumenmangel auftreten, also eigentlich bei der Patientengruppe wo man es je gerne Anwenden würde. Hier kommen die negativen Effekte auf Niere und Gerinnung zum Tragen, bei euvolämen Patienten spielen diese Effekte fast keine Rolle. Dem Fazit „Mit diesen Ergebnissen ist die Gabe von HAES einer kristallinen Infusionstherapie nicht unterlegen und könnte zukünftig wieder für den Ausgleich eines akuten Volumenverlustes durch Blutung (mit max 30 ml / kgKG) wieder zur Verfügung stehen.“, kann ich leider nicht zustimmen, da die Daten aus der Studie genau das nicht zeigen, da es keine Patienten mit vorbestehendem Volumenmangel bzw. -verlust gab. Das HEAS 6% intraop. sicher ist, kann ich aber unterstreichen, ob das für die Prähospitalphase oder den Schockraum gilt, da habe ich meine Zweifel.
Viele Grüße aus Halle
Peter
Sehr gut, es ist endlich an der Zeit über Kolloide neu nachzudenken.
HES 130er wurde vor Jahren durch die Sepsis Gesellschaft in Jena zu Unrecht in Verruf gebracht Jahre im Abseits durch zusätzliche Regulierungen machte es Alternativen in der Volumentherapie einfach. Zurück in die Zeit des Vietnamkrieges. Gelatine, Kristalloide wurden Literweise in den Patienten infundiert.
Moderne Kolloide 130er HES als Trägerlösung isotonische Kochsalzlösung 0,9% (Voluven) oder mit Trägerlösung Jonosteril (Volulyte) als balancierte Lösung Chlorid reduziert, sind überlebenswichtig für Patienten.
Wichtig ist bei der HES Auswahl der Rohstoff. Vorteilhaft ist Maisstärke (Wachsmais), zum Nachteil der Kartoffelstärke.
Zur besseren Patientenversorgung ist HES 140er unverzichtbar.