Diskussion um Dexmedetomidin

Ein Gastbeitrag von Yannick Beres aus Ulm:    Dexmedetomidin (Dexdor®) ist ein zentral wirkender alpha-Agonist der sedierende, anxiolytische, hypnotische, analgetische und sympathikolytische Eigenschaften hat. Im Vergleich zu dem anderen intraoperativ gebräuchlichen alpha-Agonisten Clonidin hat Dexmedetomidin eine deutlich höhere Affinität zum alpha-2-Adrenorezeptor und deshalb eine stärker sedierende Wirkung als Clonidin. Dexmedetomidin bietet weiterhin eine bessere hämodynamische Stabilität gegenüber Clonidin.

In einer australischen Metaanalyse um Cheuck Kin Sin et al. setzen sich die Autoren mit der intraoperativen Nutzung von Dexmedetomidin auseinander. Dazu haben die sie insgesamt 33 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 2676 Patienten untersucht, die die Auswirkung einer intraoperativen intravenösen Dexmedetomidingabe gegenüber der Gabe eines Placebos verglichen haben.

Sin JCK, Tabah A, Campher MJJ, Laupland KB, Eley VA.

The Effect of Dexmedetomidine on Postanesthesia Care Unit Discharge and Recovery: A Systematic Review and Meta-Analysis.

Anesth Analg 2022; 134: 1229-1244

Dabei kommen die Kolleg:Innen zu folgenden Ergebnissen. Die Anwendung von Dexmedetomidin verlängerte nicht die Dauer des „post anaesthesia care unit“ Aufenthalts, aber führte zu weniger Husten, weniger Schmerz, weniger prostoperativer Übelkeit und Erbrechen (PONV), weniger Shivering und weniger Agitationen in der Aufwachphase. Als Nebenwirkung zeigte sich eine erhöhte Inzidenz von Hypotensionen aber kein erhöhtes Auftreten von Bradykardien oder residuellen Sedierungen.

Entsprechend hat sich Dexmedetomidin auch als beliebtes Medikament zur Kurz- und Langzeitsedierung kritisch kranker Patienten in der Intensivmedizin entwickelt.

Jetzt gibt es allerdings einen neuen Rote-Hand-Brief der Arzneimittelkomission der deutschen Ärzteschaft, welcher ein Risiko von erhöhter Mortalität bei Intensivpatienten ≤ 65 Jahren beschreibt.

Folgende Kernaussagen finden sich in diesem Rote-Hand-Brief:

Die Grundlage bildet die Studie SPICE III, eine randomisierte klinische Studie, in der die Wirkung einer Sedierung mit Dexmedetomidin auf die Gesamtmortalität mit der Wirkung der „üblichen Standardbehandlung“ bei 3904 beatmeten kritisch kranken erwachsenen Patienten auf der Intensivstation verglichen wurde.

Die Anwendung von Dexmedetomidin war im Vergleich zu anderen Sedativa in der Altersgruppe ≤ 65 Jahren mit einem höheren Mortalitätsrisiko assoziiert (Odds Ratio 1,26; 95 %-Glaubwürdigkeitsintervall 1,02 bis 1,56).

Diese altersbedingte Ungleichheit der Mortalitätsrate war bei Patienten, die aus anderen Gründen als zur postoperativen Versorgung aufgenommen wurden, am ausgeprägtesten. Mit zunehmendem APACHE-II-Score sowie mit jüngerem Alter stieg diese an. Der zugrundeliegende Mechanismus ist nicht bekannt.

Diese Ergebnisse sollten bei jüngeren Patienten bei der Abwägung des zu erwarteten klinischen Nutzens von Dexmedetomidin im Vergleich zu anderen Sedativa berücksichtigt werden.

Erste Diskussionen in der FOAM-Welt deuten auch Kritik an der SPICE Studie an. Vorallem scheinen sich die Erfahrungen der klinischen Praxis nicht mit den Studienergebnissen zu decken.

Wichtig wird es jetzt sein, die Ergebnisse mit weiteren klinischen Studien zu überprüfen und zu verifizieren.

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