{"id":21019,"date":"2026-08-17T01:12:43","date_gmt":"2026-08-16T23:12:43","guid":{"rendered":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=21019"},"modified":"2026-08-16T21:32:29","modified_gmt":"2026-08-16T19:32:29","slug":"mehr-eigenverantwortung-fuer-notfallsanitaeterinnen-und-herausfordernde-praehospitalzeiten-ein-system-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=21019","title":{"rendered":"Mehr Eigenverantwortung f\u00fcr Notfallsanit\u00e4ter:innen und herausfordernde Pr\u00e4hospitalzeiten \u2013 ein System im Wandel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><strong>Ein Gastbeitrag von Linda H\u00e4fele, Ulm<\/strong><\/span>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Die Stelle zur tr\u00e4ger\u00fcbergreifenden Qualit\u00e4tssicherung im Rettungsdienst Baden-W\u00fcrttemberg (<a href=\"https:\/\/www.sqrbw.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>SQR-BW<\/strong><\/a>) ist mit der landesweiten externen und datengest\u00fctzten Qualit\u00e4tssicherung der pr\u00e4hospitalen Notfallversorgung beauftragt. Definierte Qualit\u00e4tsindikatoren machen Versorgungsprozesse und -ergebnisse messbar, erm\u00f6glichen regionale Vergleiche und zeigen Verbesserungspotenziale auf. Der <a href=\"https:\/\/www.sqrbw.de\/fileadmin\/SQRBW\/Downloads\/Qualitaetsberichte\/SQRBW_Qualitaetsbericht_2025_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>SQR-Qualit\u00e4tsbericht 2025<\/strong><\/a> geht dabei \u00fcber die Fortschreibung etablierter Indikatoren hinaus und beleuchtet mehrere neue Aspekte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Methodik <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Qualit\u00e4tsbericht 2025 wurden 247.815 Notarztdatens\u00e4tze sowie 852.271 Datens\u00e4tze zu rettungsdienstlichen Eins\u00e4tzen ohne Notarztbeteiligung einbezogen und mit den zugeh\u00f6rigen Leitstellendatens\u00e4tzen verkn\u00fcpft. Die Datenerhebung und -\u00fcbermittlung basierten auf standardisierten elektronischen Datensatzspezifikationen. Die Auswertung erfolgte anhand der definierten Qualit\u00e4tsindikatoren, deren Ergebnisse auf Landesebene sowie im Vergleich der Rettungsdienstbereiche dargestellt wurden. Zeitbezogene Ergebnisse wurden als Median und 95. Perzentil, ratenbasierte Ergebnisse als Erf\u00fcllungsgrade dargestellt. \u00c4nderungen von Definitionen und Berechnungsgrundlagen gegen\u00fcber den Vorjahren wurden bei der Interpretation ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong> Zunehmende eigenverantwortliche Patientenversorgung durch Notfallsanit\u00e4ter:innen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zentrale Entwicklung 2025 ist die zunehmende Versorgung ohne Notarztbeteiligung, die den fortschreitenden Kompetenzzuwachs der Notfallsanit\u00e4ter:innen widerspiegelt. So stieg die Zahl der RTW-Datens\u00e4tze gegen\u00fcber 2024 um 9\u00a0%, w\u00e4hrend Datens\u00e4tze notarztbesetzter Rettungsmittel um 15\u00a0% zur\u00fcckgingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den Tracerdiagnosen zeigte sich eine Verschiebung von rund 10.000 F\u00e4llen von Notarzt- hin zu RTW-Eins\u00e4tzen ohne Notarztbeteiligung. Gleichzeitig nahm die Zahl der dokumentierten therapeutischen Ma\u00dfnahmen bei Eins\u00e4tzen ohne Notarztbeteiligung deutlich zu.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Schmerztherapie: Die Zahl der ohne Notarztbeteiligung versorgten Patient:innen stieg von 64.090 im Jahr 2024 auf 78.191 im Jahr 2025. Der Anteil mit ausreichender Schmerzreduktion erh\u00f6hte sich von 55,0 % auf 63,8 % (+8,8 Prozentpunkte). Die Spannweite von 46 % bis \u00fcber 84 % weist zugleich auf erhebliche regionale Unterschiede hin.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel wurde 2025 erstmals ganzj\u00e4hrig der neue Notarztindikationskatalog Baden-W\u00fcrttemberg angewandt. Gemeinsam mit der Kompetenzerweiterung der Notfallsanit\u00e4ter:innen d\u00fcrfte dieser zu einer r\u00fcckl\u00e4ufigen initialen Notarztentsendung beigetragen haben. Die Notarztnachforderungsrate stieg um 4 % auf 26 %. Die retrospektiv anhand des M-NACA-Scores bewertete Notarztindikation lag bei 71 %. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Kompetenzverschiebung k\u00f6nnen jedoch auch Patienten mit M-NACA 4 zunehmend suffizient durch RTW-Besatzungen versorgt werden. Eine Weiterentwicklung dieses Indikators wurde bereits angesto\u00dfen.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li><strong> Reanimationserkennung erstmals als Qualit\u00e4tsindikator<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">2025 wurde erstmals systematisch erfasst, ob ein Herz-Kreislauf-Stillstand bereits bei der initialen Notrufbearbeitung erkannt wird. Die landesweite Reanimationserkennung lag bei knapp 65 % und erweitert die Qualit\u00e4tssicherung damit um einen fr\u00fchen Abschnitt der Reanimationskette.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den einzelnen Leitstellen zeigte sich jedoch eine erhebliche Bandbreite von 33 % bis 79 %.<\/p>\n<\/blockquote>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li><strong> Pr\u00e4hospitalzeiten auf neuem H\u00f6chststand<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pr\u00e4hospitalzeiten bleiben der kritischste Befund des Berichts. Bei Notarztbeteiligung stieg der Median auf 56:45 min (+1:14 min), das 95. Perzentil auf 1:36:20 h (+2:11 min). Ohne Notarztbeteiligung erh\u00f6hte sich der Median auf 51:04 min (+66 Sek), das 95. Perzentil auf 1:23:40 h (+32 Sek).<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Notarztnachforderung lag die mediane Pr\u00e4hospitalzeit rund 20 Minuten \u00fcber der bei prim\u00e4rer Notarztalarmierung.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die l\u00e4ngeren Zeiten bei Notarztbeteiligung sind zugleich vor dem Hintergrund der h\u00f6heren Erkrankungs- und Verletzungsschwere zu interpretieren, die durch h\u00f6here M-NACA-Scores repr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei zeitkritischen Diagnosen bleibt die Zielerreichung unzureichend: Beim <strong>STEMI<\/strong> erreichten 68,0 % die Klinik innerhalb von 60 Minuten, beim <strong>akuten zentral-neurologischen Defizi<\/strong>t 62,8 % mit und 71,5 % ohne Notarztbeteiligung. Bei <strong>Sepsis<\/strong> lagen die Werte bei 42,8 % bzw. 48,3 %.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders kritisch sind die Werte bei <strong>Polytrauma\/Schwerverletzten<\/strong> mit vitaler Gef\u00e4hrdung: Nur 38,9 % erreichten das 60-Minuten-Ziel \u2013 10 Prozentpunkte weniger als 2024 und ein F\u00fcnfjahrestief.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Indikatoren hinweg halbierte sich der Erreichungsgrad bei Notarztnachforderung. Beim Herz-Kreislauf-Stillstand lag der Anteil mit einer Pr\u00e4hospitalzeit unter 60 Minuten mit 37 % am niedrigsten. Hier zeigte sich aufgrund der geringeren Nachforderungsrate und der l\u00e4ngeren Vor-Ort-Zeit ein geringerer Einfluss der Notarztnachforderung.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"4\">\n<li><strong> Indikatoren gesch\u00e4rft: Differenziertere STEMI-Bewertung und neue Sauerstoffs\u00e4ttigungsgrenzen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bisherige Bewertung der leitliniengerechten STEMI-Versorgung (2024: 60 %) wurde 2025 durch spezifische Prozessindikatoren ersetzt. Das 12-Kanal-EKG wurde in 69,5 % der F\u00e4lle durchgef\u00fchrt, wobei die SQR-BW aufgrund von Dokumentations- und Softwareproblemen eine eingeschr\u00e4nkte Validit\u00e4t feststellt. Die ASS-Gabe erreichte eine Erf\u00fcllungsrate von knapp 81 %.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch beim akuten zentral-neurologischen Defizit und bei Atemnot wurden die Grenzwerte f\u00fcr eine indikationsgerechte Sauerstoffgabe an aktuelle Leitlinien angepasst, unter anderem durch eine diagnosespezifische Differenzierung f\u00fcr ACS\/STEMI und COPD. Dadurch verbesserten sich die Erf\u00fcllungsgrade um bis zu 10,5 Prozentpunkte; die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren ist entsprechend eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Diskussion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der SQR-BW-Qualit\u00e4tsbericht 2025 zeigt einen strukturellen Wandel des Rettungsdienstes. Die zunehmende Versorgung ohne Notarztbeteiligung und die Verbesserung therapeutischer Ma\u00dfnahmen \u2013 insbesondere der Schmerztherapie \u2013 zeigen, dass die erweiterten Kompetenzen der Notfallsanit\u00e4ter:innen zunehmend systemwirksam werden. Der neue Notarztindikationskatalog d\u00fcrfte diese Entwicklung zus\u00e4tzlich unterst\u00fctzen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erheblichen regionalen Unterschiede zeigen jedoch, dass formale Kompetenz\u00fcbertragung allein nicht ausreicht, sondern durch geeignete strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen flankiert werden muss.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber stehen weiter steigende Pr\u00e4hospitalzeiten, die 2025 neue H\u00f6chstwerte erreichten. Besonders bei zeitkritischen Krankheitsbildern bleibt die Zielerreichung unzureichend. Die deutlich l\u00e4ngeren Zeiten nach Notarztnachforderung weisen trotz der h\u00f6heren Erkrankungs- und Verletzungsschwere bei Notarztbeteiligung auf Optimierungspotenzial bei Disposition und Alarmierungsstrategie hin. Die erstmalige Erfassung der Reanimationserkennung verdeutlicht zudem, dass bereits die fr\u00fchen Prozesse der Versorgungskette st\u00e4rker in die Qualit\u00e4tsentwicklung einbezogen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zunehmende Eigenverantwortung der Notfallsanit\u00e4ter:innen ist eine zentrale Chance f\u00fcr einen leistungsf\u00e4higen und bedarfsgerechten Rettungsdienst. Voraussetzung daf\u00fcr ist eine konsequente sektoren\u00fcbergreifende Weiterentwicklung und Abstimmung der gesamten Rettungskette \u2013 von Notrufannahme bis zur klinischen Anschlussversorgung. Ziel muss sein, die jeweils erforderliche Kompetenz m\u00f6glichst zielgerichtet und ohne vermeidbare Zeitverluste verf\u00fcgbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Bewertung der Qualit\u00e4tsentwicklung m\u00fcssen zugleich methodische Ver\u00e4nderungen ber\u00fccksichtigt werden. Angepasste Rechenregeln und bestehende Export- und Dokumentationsprobleme k\u00f6nnen Indikatorergebnisse wesentlich beeinflussen und zeigen, dass Dokumentationsqualit\u00e4t und medizinische Versorgungsqualit\u00e4t nicht immer gleichzusetzen sind. Eine vollst\u00e4ndige, valide und einheitlich erhobene Datengrundlage ist damit nicht nur f\u00fcr die Qualit\u00e4tssicherung, sondern in Baden-W\u00fcrttemberg zuk\u00fcnftig auch als Grundlage der Notfallkategorien f\u00fcr die rettungsdienstliche Bedarfsplanung von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Linda H\u00e4fele, Ulm\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Die Stelle zur tr\u00e4ger\u00fcbergreifenden Qualit\u00e4tssicherung im Rettungsdienst Baden-W\u00fcrttemberg (SQR-BW) ist mit der landesweiten externen und datengest\u00fctzten Qualit\u00e4tssicherung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21020,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"__cvm_playback_settings":[],"__cvm_video_id":"","jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"_wpas_customize_per_network":false},"categories":[2],"tags":[622,2967,512,2966],"class_list":["post-21019","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-notarztdienst","tag-qualitaetssicherung","tag-rettungsdienst","tag-sqr-bw"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/SQR-BW.png?fit=1306%2C796&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7fR2g-5t1","jetpack-related-posts":[{"id":20499,"url":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=20499","url_meta":{"origin":21019,"position":0},"title":"Analgesie durch Rettungsfachpersonal","author":"Bj\u00f6rn Hossfeld","date":"M\u00e4rz 5, 2026","format":false,"excerpt":"Eine suffiziente und ad\u00e4quate Analgesie geh\u00f6rt zu den zentralen Aufgaben im pr\u00e4hospitalenen Einsatz und ist ein wesentlicher Bestandteil der notfallmedizinischen Versorgung durch Notfallsanit\u00e4terinnen und Notfallsanit\u00e4ter. 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