{"id":17129,"date":"2023-05-29T02:49:54","date_gmt":"2023-05-29T00:49:54","guid":{"rendered":"http:\/\/news-papers.eu\/?p=17129"},"modified":"2023-06-04T11:10:54","modified_gmt":"2023-06-04T09:10:54","slug":"steigende-einsatzzahlen-im-rettungsdienst-sind-das-alles-notfaelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=17129","title":{"rendered":"Steigende Einsatzzahlen im Rettungsdienst \u2013 Sind das alles Notf\u00e4lle?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #808080;\">Ein Gastbeitrag von Max Feth, San Antonio TX\u00a0\u00a0<\/span><\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Seit Jahren steigt die Einsatzbelastung im Rettungs- und Notarztdienst kontinuierlich an. Gebunden durch die rechtlich vorgegebenen Hilfsfristen, sowie einen wachsenden Mangel an Rettungsfach- und not\u00e4rztlichem Personal wird es zunehmend schwieriger, Notf\u00e4lle zeitgerecht zu versorgen. H\u00e4ufig wird in diesem Zusammenhang beanstandet, dass ein Gro\u00dfteil der eingehenden Notrufe keine tats\u00e4chlichen Notf\u00e4lle seien. Diesem Problem haben sich nun David Herr und Kollegen aus Berlin angenommen.<\/p>\n<blockquote><p>Herr D, Bhatia S, Breuer F, Poloczek S, Pommerenke C, Dahmen J.<\/p>\n<p>Increasing emergency number utilisation is not driven by low-acuity calls: an observational study of 1.5 million emergency calls (2018-2021) from Berlin.<\/p>\n<p>BMC Med. 2023 ;21: 184<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser arbeit untersuchten sie das rettungsdienstliche Einsatzaufkommen in Berlin zwischen 2018 und 2021, matchen die Notrufe mit sozio\u00f6konomischen Merkmalen und bewerten, ob dem Notruf ein akuter Notfall zugrunde lag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Studiendesign<\/strong><\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Cross-sektionale Beobachtungsstudie zur Beurteilung der Rate an Notrufen mit geringerer medizinischer Dringlichkeit in Berlin und Identifizierung m\u00f6glicher sozio\u00f6konomischer Korrelationen<\/li>\n<li>Analyse von Leitstellendaten gematched mit sozi\u00f6konomischen zwischen 2018-2021<\/li>\n<li>F\u00e4lle au\u00dferhalb von Berlin und Feuerwehralarmierungen wurden ausgeschlossen.<\/li>\n<li>Kodierung der eingehenden Notrufe anhand des <em>Medical Priority Dispatch System (MPDS)<\/em>:\n<ul>\n<li>z.B. 29D2m<\/li>\n<li>Die beginnende Zahl definiert ein Protokoll (z.B. 29 = Verkehrsunfall), darauf folgt<\/li>\n<li>ein Kodierung der Dringlichkeit (Omega &lt; Alpha &lt; Bravo &lt; Delta &lt; Charly) sowie<\/li>\n<li>eine weitere Klassifizerung der Priorit\u00e4t (zB 2 = gef\u00e4hrlicher Unfallmechanismus) und<\/li>\n<li>abschlie\u00dfenden eine Charakterisierung des Notfallbildes (z.B. m = Auto vs. Fu\u00dfg\u00e4nger)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Definition von Notrufen mit geringer medizinischer Dringlichkeit anhand eines Expertenkonsensus sowie internationaler Literatur als alle Omega-Codes, alle Alpha-Codes (au\u00dfer Krampfanf\u00e4lle), und alle B00- oder C00-Codes aufgrund von Kapazit\u00e4tsproblemen beim Kassen\u00e4rztlichen Notdienst.<\/li>\n<li>Bin\u00e4re logistische Regression zur Identifikation von Faktoren, die eher mit Notrufen mit niedrigerer medizinischer Dringlichkeit verkn\u00fcpft sind<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Es wurden 1 645 122 Notrufe im Studienzeitraum registriert. Die Rate unvollst\u00e4ndiger Datensets lag bei 12,6%. Die Vollst\u00e4ndigkeit der MPDS-Codes nimmt \u00fcber den Studienzeitraum zu, wobei der Protokolltyp immer vorhanden war, die MPDS-Kategorie jedoch anfangs in 14,1% (2018) und zum Ende in 0,4% (2021) der F\u00e4lle fehlte.<\/li>\n<li>In Berlin konnte ein Anstieg der Notrufe in 2021 verglichen mit 2018 um 9,1% festgestellt werden; im gleichen Zeitraum\u00a0 wuchs die Bev\u00f6lkerung in Berlin nur um 0,9%.<\/li>\n<li>Notrufe bezogen sich minimal mehr auf m\u00e4nnliche Patienten (52,3%).<\/li>\n<li>Notrufe mit geringerer medizinischer Dringlichkeit nahmen von 2018 bis 2021 um 4,7% ab, w\u00e4hrend die Anzahl von Notrufen mit h\u00f6herer medizinischer Dringlichkeit zunahm. Die Daten hierzu sind leider nicht angegeben.<\/li>\n<li>Ein j\u00fcngeres Patientenalter verglichen zu Patienten \u00e4lter als 60 Jahre war mit einer erh\u00f6hten Wahrscheinlichkeit f\u00fcr Notrufe mit niedrigerer medizinischer Dringlichkeit assoziiert. Ebenso waren Notrufe bez\u00fcglich weiblicher Patientinnen eher mit einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit f\u00fcr eine geringere medizinische Dringlichkeit assoziiert.<\/li>\n<li>Die Wahrscheinlichkeiten f\u00fcr eine niedrigere medizinische Dringlichkeit waren minimal, aber statistisch signifikant, f\u00fcr Notrufe aus Gebieten mit einem niedrigeren sozio\u00f6konomischen Status sowohl f\u00fcr Notrufe an Wochenenden erh\u00f6ht.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbereinstimmend mit fr\u00fcheren Arbeiten zeigt diese aktuelle Studie am Beispiel der Bundeshauptstadt das kontinuierlich anhaltende Wachstum von Einsatzzahlen im Rettungsdienst und tr\u00e4gt daher wesentlich zur Aktualit\u00e4t des Diskussionskontextes f\u00fcr Einsatzbelastungen in der pr\u00e4hospitalen Notfallmedizin bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessanterweise legen die Daten aus Berlin nahe, dass die Anzahl von Notrufen mit niedrigerer medizinischer Dringlichkeit \u00fcber den Studienzeitraum hinweg abnimmt. Die Autoren beobachten einen R\u00fcckgang der Gesamteinsatzzahlen w\u00e4hrend der Lockdownphasen in der Coronapandemie, ohne jedoch einen relevanten prozentualen Abfall der Notrufe mit niedrigerer medizinischer Dringlichkeit zu verzeichnen. Dies steht im Kontrast zum Eindruck vieler in der Notfallrettung T\u00e4tiger, die subjektiv ein Wachstum der Eins\u00e4tze \u201eohne wirkliche Notfallindikation\u201c verzeichnen. Diesbez\u00fcglich diskutieren die Autoren klar, dass ihre Arbeit keine Outcomedaten integriert und damit die medizinische Dringlichkeit nicht retrospektiv validiert werden kann. Zus\u00e4tzlich wird diskutiert, dass eine Klassifikation der medizinischen Dringlichkeit anhand eines pr\u00e4disponierenden Codes Schw\u00e4chen aufweist. Die Gruppierung der Notrufe anhand des MPDS zeigt \u201eSt\u00fcrze\u201c, \u201eerkrankte Person\u201c, \u201ebewusstlose Person\u201c und \u201eDyspnoe\u201c als f\u00fchrende Leitstellenprotokolle, wobei der Anteil von Notrufen geringerer Dringlichkeit bei \u201eSt\u00fcrzen\u201c und \u201eerkrankten Personen\u201c ausgepr\u00e4gter vorhanden war als beispielsweise bei \u201eDyspnoe\u201c oder \u201eThoraxschmerz\u201c.\u00a0 Beispielsweise ist jedoch f\u00fcr die Angabe einer Dyspnoe als Leitsymptom unabh\u00e4ngig der Auspr\u00e4gung keine Klassifikation m\u00f6glich, die den Methoden der Arbeit folgend zu einer Einordnung als geringere medizinische Dringlichkeit f\u00fchren w\u00fcrde. Eine Folgestudie, die Outcomedaten miteinbezieht, w\u00e4re f\u00fcr die weitere Beurteilung hilfreich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit identifiziert ein j\u00fcngeres Patientenalter sowie das weibliche Geschlecht als Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit eines Notrufes mit geringerer medizinsicher Dringlichkeit erh\u00f6hen. Urs\u00e4chlich k\u00f6nnten hierf\u00fcr zum Beispiel die h\u00f6here Pr\u00e4valenz kardiovaskul\u00e4rer Krankheiten bei \u00e4lteren Personen und M\u00e4nnern sein. Spannenderweise beobachten die Autoren trotz der zunehmenden \u00dcberalterung der deutschen Bev\u00f6lkerung keine Anstieg des mittleren Patientenalters im Studienzeitraum. Die Autoren schlie\u00dfen etwa aus dem Risikofaktor \u201ejunges Patientenalter\u201c, dass \u2013 obwohl junge Menschen absolut gesehen seltener Notrufe absetzen \u2013 hier m\u00f6glicherweise ein Potential f\u00fcr Aufkl\u00e4rungsprogramme bez\u00fcglich einer \u201ead\u00e4quaten Notrufkultur\u201c hilfreich sein k\u00f6nnen. Aus dieser Erhebung darf jedoch nicht der Schluss entstehen, dass Notrufe j\u00fcngerer und\/ oder weiblicher Patienten ungef\u00e4hrlich seien. Naturgem\u00e4\u00df finden sich auch hier lebensbedrohliche Notf\u00e4lle, sodass jeder Einsatz entsprechend ernsthaft bearbeitet werden muss.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend liefert die Arbeit anhand eines gro\u00dfen Datensets zwei wesentliche Erkenntnisse, die bei der Diskussion von strukturellen Reformen in der pr\u00e4hospitalen Notfallmedizin beachtet werden m\u00fcssen:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Die Einsatzzahlen im Rettungsdienst steigen weiterhin konstant an.<\/li>\n<li>Es gibt Hinweise darauf, dass\u00a0 entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung eine Zunahme der weniger dringlichen Notf\u00e4lle nicht die Hauptursache f\u00fcr dieses Gesamtwachstum ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Gesamtwachstum zu den Ergebnissen anderer Studien passen, ist unklar, inwiefern die Erkenntnisse \u00fcber mutma\u00dflich weniger dringende Notrufe auf andere Regionen in Deutschland \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Ebenso bleibt offen, inwiefern die Einteilung in eine hohe und niedrigere Dringlichkeit anhand der verwendeten Methoden mit dem Outcome oder Krankenhausaufnahmeraten korreliert. Obwohl diese Arbeit wichtige Einblicke gew\u00e4hrt, zeigt sich auch die Notwendigkeit weiterer wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiet der Notruf- und Notfallstruktur in Deutschland.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Max Feth, San Antonio TX\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Seit Jahren steigt die Einsatzbelastung im Rettungs- und Notarztdienst kontinuierlich an. 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Familie Gotthardt diskutiert nun zu diesem Thema auf Nerdfallmedizin.de. https:\/\/www.youtube.com\/watch?time_continue=2&v=gMyV-e2SVWo https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QvjhAdRf6nA Weitere Literatur: Bernhard M et al.\u00a0Pr\u00e4hospitale geburtshilfliche Notf\u00e4lle in\u2026","rel":"","context":"In &quot;Geburtshilfliche und gyn\u00e4kologische Notf\u00e4lle&quot;","block_context":{"text":"Geburtshilfliche und gyn\u00e4kologische Notf\u00e4lle","link":"https:\/\/news-papers.eu\/?cat=197"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3825.jpg?fit=1200%2C803&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3825.jpg?fit=1200%2C803&ssl=1&resize=350%2C200 1x, https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3825.jpg?fit=1200%2C803&ssl=1&resize=525%2C300 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3825.jpg?fit=1200%2C803&ssl=1&resize=700%2C400 2x, https:\/\/i0.wp.com\/news-papers.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3825.jpg?fit=1200%2C803&ssl=1&resize=1050%2C600 3x"},"classes":[]},{"id":12770,"url":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=12770","url_meta":{"origin":17129,"position":1},"title":"ONLINE-Monatsfortbildung 09\/2021 der Arbeitsgemeinschaft Not\u00e4rzte in NRW","author":"Michael Bernhard","date":"September 6, 2021","format":false,"excerpt":"Regelm\u00e4\u00dfige Fortbildungen sind wichtig, gerade wenn es um Notfallmedizin geht. 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