Legale Drogen: Warum Koffein, Lachgas, Cannabis und Alkohol die Notaufnahmen beschäftigen

Koffein, Lachgas, Cannabis und Alkohol sind legal oder leicht verfügbar – doch ihr Konsum kann ernste medizinische Folgen haben. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in „Notfall + Rettungsmedizin“ zeigt, welche Substanzen zunehmend in Notaufnahmen eine Rolle spielen und warum besonders Jugendliche und junge Erwachsene gefährdet sind.

Eichhorn D, et al. Legale Drogen: Koffein, Lachgas, Cannabis und Alkohol. Notfall Rettungsmed 2026, online (Open Access https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-026-01770-1)

Der Begriff „legale Drogen“ klingt zunächst widersprüchlich. Denn Drogen werden im Alltag häufig mit illegalen Substanzen verbunden. Tatsächlich können aber auch frei erhältliche oder rechtlich regulierte Genussmittel Bewusstsein, Wahrnehmung und Körperfunktionen erheblich verändern. Dazu gehören Koffein, Lachgas, Cannabis, sog. „Legal Highs“ und Alkohol. Für die Notfallmedizin sind diese Substanzen keineswegs Randthemen.

Eine narrative Übersichtsarbeit von Eichhorn, et al. veröffentlicht in der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin, fasst die klinische Bedeutung dieser Substanzen zusammen. Die Autorengruppe wertete Literatur, Leitlinien, Stellungnahmen von Fachgesellschaften sowie Daten des Giftnotrufs der Charité aus.

Koffein: Alltagsdroge mit Risiko bei Überdosierung

  • Koffein ist das weltweit am häufigsten konsumierte Psychostimulans. Kaffee, Energydrinks und Koffeinpulver sind breit verfügbar. In üblichen Mengen ist Koffein für die meisten Menschen unproblematisch. Kritisch wird es jedoch bei hohen Dosen.
  • Bereits ab etwa 400 mg können Unruhe, Angst, Zittern, Herzrasen, Übelkeit und Erbrechen auftreten. Schwere Intoxikationen mit Delir, Krampfanfällen oder Herzrhythmusstörungen sind ab etwa 1 g beschrieben. Besonders riskant sind hochdosierte Koffeinpräparate oder Pulver, da hier versehentliche oder absichtliche Überdosierungen leichter möglich sind.
  • In der Notaufnahme stehen Monitoring, symptomatische Therapie und bei schweren Verläufen intensivmedizinische Maßnahmen im Vordergrund. Bei vitaler Bedrohung kann auch eine Hämodialyse erwogen werden.

Lachgas: Kurzer Rausch, mögliche Langzeitschäden

  • Lachgas wird vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen konsumiert. Es ist günstig, leicht verfügbar und wird häufig als harmlos wahrgenommen. Der Rausch hält meist nur wenige Minuten an und kann Euphorie, Entspannung, Schwindel oder Desorientierung auslösen.
  • Das größere Problem liegt im wiederholten oder chronischen Konsum. Lachgas kann einen funktionellen Vitamin-B12-Mangel verursachen. Die Folge können neurologische Schäden sein, etwa Gangstörungen, Missempfindungen, Standunsicherheit oder eine Myelopathie. In Studien wurden Demyelinisierungen der spinalen Hinterbahnen beschrieben. Wichtig ist: Ein normaler Vitamin-B12-Spiegel oder eine unauffällige Bildgebung schließen eine funktionelle Störung nicht sicher aus.
  • Seit April 2026 gelten in Deutschland strengere Regeln: Abgabe, Erwerb und Besitz von Lachgas sind für Minderjährige verboten; außerdem wurde der Vertrieb eingeschränkt.

Cannabis: Neue Verfügbarkeit, alte und neue Notfallbilder

  • Seit der Gesetzesänderung 2024 ist Cannabis für Erwachsene in Deutschland leichter verfügbar. Neben akuten psychischen Symptomen wie Angst, Panik, Agitation, Halluzinationen oder Paranoia gewinnt in der Notfallmedizin insbesondere das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom an Bedeutung.
  • Das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom betrifft chronische Konsument und äußert sich durch wiederkehrende Episoden von starkem Erbrechen und Bauchschmerzen. Typisch ist, dass heißes Duschen subjektiv Linderung verschafft. Klassische Antiemetika wirken häufig nicht ausreichend. Therapeutisch kommen Flüssigkeitsgabe, Capsaicin-Creme, Haloperidol oder Benzodiazepine infrage. Entscheidend ist langfristig die Beendigung des Cannabiskonsums.
  • Die ausgewerteten Giftnotruf-Daten zeigen nach der Cannabislegalisierung einen Anstieg cannabisbezogener Anrufe. Die Autor betonen jedoch, dass diese Daten wegen Selektionsbias und regionaler Begrenzung nicht ohne Weiteres auf die Gesamtbevölkerung übertragen werden können.

„Legal Highs“: Gefährlich trotz verharmlosendem Namen

  • Sogenannte „Legal Highs“ sind neue psychoaktive Substanzen, die bekannte Drogenwirkungen nachahmen sollen. Der Begriff ist irreführend, da viele dieser Stoffe inzwischen rechtlich reguliert oder verboten sind. Die Substanzen können halluzinogene, sympathomimetische, sedierende oder serotonerge Toxidrome auslösen.
  • Für die Notfallmedizin ist problematisch, dass Konsument oft nicht genau wissen, welche Substanz sie eingenommen haben. Die Therapie orientiert sich daher weniger am exakten Stoffnachweis als am klinischen Bild. Besondere Aufmerksamkeit gilt drogeninduzierter Hyperthermie, die lebensbedrohlich verlaufen kann.

Alkohol bleibt das größte Problem

  • Alkohol ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert und bleibt aus notfallmedizinischer Sicht die relevanteste der betrachteten Substanzen. Die klinische Bandbreite reicht von akuter Intoxikation mit Sturz-, Aspirations- und Unterkühlungsrisiko bis zu Entzugssyndromen, Krampfanfällen, Delir und Wernicke-Enzephalopathie.
  • Bei akuter Alkoholvergiftung stehen Überwachung, Schutz vor Aspiration, Wärmeerhalt, Flüssigkeitstherapie und der Ausschluss anderer Ursachen einer Bewusstseinsstörung im Vordergrund. Bei chronischem Konsum ist Thiamin wichtig, insbesondere wenn Glukose gegeben wird. Entzugssymptome können mit Benzodiazepinen und Clonidin behandelt werden.

Giftnotruf-Daten: Alkohol vor THC, Koffein, NPS und Lachgas

  • Für die Arbeit wurden 7107 substanzbezogene Anrufe beim Giftnotruf der Charité aus dem Zeitraum November 2015 bis Oktober 2025 ausgewertet. Alkohol war mit 4164 Anrufen der häufigste Anlass, gefolgt von THC mit 1832 Anrufen, Koffein mit 787, neuen psychoaktiven Substanzen mit 184 und Lachgas mit 140 Anrufen.
  • Während Alkohol über alle Altersgruppen hinweg relevant war, betrafen THC, Lachgas und neue psychoaktive Substanzen vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Bei Kindern unter fünf Jahren zeigte sich zudem eine Häufung akzidenteller Ingestionen.

Fazit

  • Legale bzw. leicht verfügbare psychoaktive Substanzen sind nicht harmlos.
  • Koffein, Lachgas, Cannabis, neue psychoaktive Substanzen und Alkohol können zu relevanten Vorstellungen in Notaufnahmen führen.
  • Der Zusammenhang zwischen Konsum und Beschwerden ist nicht immer offensichtlich:
    • Patient:innen erkennen den Zusammenhang teils selbst nicht.
    • Konsum wird teilweise bewusst verschwiegen.
    • Mischintoxikationen müssen berücksichtigt werden.
  • Für die Notaufnahme wichtig:
    • Substanzen bei passender Symptomatik differenzialdiagnostisch einbeziehen.
    • Typische Symptomkonstellationen und Toxidrome erkennen.
    • Therapie symptomorientiert und substanzspezifisch einleiten.
  • Weitere repräsentative Studien sind erforderlich, um die notfallmedizinischen Auswirkungen legaler und neuer psychoaktiver Substanzen besser zu erfassen.

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