Notfallnarkose – Status quo ?

NotfallnarkoseEinen sehr interessanten Überblick zum Status quo der Notfallnarkose haben Kollegen aus Baden-Württemberg anhand der Daten von 12.500 Patienten aus den Jahren 2015-2017 des SQR-BW erarbeitet:

Luckscheiter A, et al. Notärztliche Durchführung von Narkosen. Eine Istanalyse der Jahre 2015–2017. Anaesthesist https://doi.org/10.1007/s00101-019-0562-6

Notfallnarkose und Atemwegssicherung sind eine nicht zu unterschätzende Herausforderung in der Notfallmedizin. Luckscheiter und Kollegen untersuchten daher an einem klar definierten SQR-BW Datensatz verschiedene Parameter der Notfallnarkose und des Atemwegsmanagements. Hierbei sollte der Umsetzungsgrad der S1 Leitlinie Notfallnarkose untersucht werden, um die aktuelle Realität im Sinne einer Istanalyse zu erfassen.

Methodik:

  • Erfassung von 12.605 Datensätzen mit Narkose (1,7%) aus initial 730.000 Datensätzen unter der Massgabe:
    • Erwachsene Patienten, keine Analgosedierung, keine NIV,
      davon

      • invasive Atemwegssicherung n=9.875
      • kardiale Patienten n=1.828
      • respiratorische Insuffizienz n= 1.207
      • neurologisches Defizit n=4.114
      • Traumapatienten n=3.492
      • sonstige n=1.664
  • Beurteilung von Narkosekomnzepten:
    • kardiale Patienten (z.B. kardiogener Schock, Rhythmusstörung oder Lungenödem) – Etomidat bzw. Benzodiazepin plus starkes Opioid,
    • Patienten mit akuter respiratorischer Insuffizienz (septische Pneumonie oder obstruktive Atmungsstörungen)
      – Propofol bzw. Etomidat und starkes Opioid oder Ketamin und Benzodiazepin,
    • Patienten mit akut neurologischem Defizit (Schlaganfall, isoliertes Schädel-Hirn-Trauma, Status epilepticus)
      – Thiopental bzw. Propofol jeweils mit starkem Opioid oder Ketamin,
    • Traumapatienten (inklusive Verbrennungen)
      – Thiopental bzw. Benzodiazepin bzw. Propofol jeweils mit starkem Opioid oder Ketamin,
    • sonstige Patienten (z.B. akutes Abdomen, Intoxikation, Hypothermie)

Ergebnisse:

  • Narkosemonitoring wird in 75% gemäss den Empfehlungen der S1 Leitlinie Notfallnarkose durchgeführt:
    • 3-Kanal-EKG: 98%
    • Blutdruckmessung: 97%
    • Pulsoxymetrie: 92%
    • Kapnographie: 79%
  • Atemwegssicherung:
    • endotracheale Intubation: 88,5%
    • supraglottische Atemwege: 7,3%
    • chirurgischer Atemweg: 1,9% (deutlich höher als erwartet!)
    • Videolaryngoskopie: 4,6%
    • primärer Einsatz Videolaryngoskopie: 86%
    • erschwerte Intubation: 7,6%
    • Maskenbeatmung unmöglich: 1,3%
    • Schwieger Atemweg: 12,9% (Anästhesisten: 11,9% vs. Nicht-Anästhesisten: 19,2%, p<0,01)
  • Notfallnarkose:
    • Konformität zur S1 LL Notfallnarlose:
      • kardiale Risikopatient: 35% (häufige Anwendung von Propofol)
      • respiratorische Insuffizienz: 51%
      • neurologische Störung: 53%
      • Traumapatienten: 79%

Was lernen wir aus der Studie:

  • Es liegen erstmalig tolle Ergebnisse zum IST-Zustand aus einer suffizienten Untersuchung mit rund 34-57% aller Notfallnarkosen im Untersuchungszeitraum (bei der Annahme von 3-5% Notfallnarkosen im bodengebundenen Notarztdienst) vor.
  • Eine entsprechenden Aussage aus dieser Analyse abzuleiten ist nicht einfach und kann deutlichen Einflüssen unterliegen, der Versuch ist aber schon genial.
  • Auch wenn teils nur eine niedrige Konformität zur S1 Leitlinie Notfallnarkose vorliegt, so muss berücksichtigt werden, das beispielsweise beim Polytrauma bei 6 ausgewiesenen Medikamentenkombinationen a priori eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit der Einhaltung als beim kardiale Patienten mit nur 2 empfohlenen Kombinationen vorliegt.
  • Möglicherweise müssen die Fallvignetten aus der S1 Leitlinie Notfallnarkose auch überarbeitet werden, hier sind die Leitlinienautoren aufgerufen dies zu prüfen.

Insgesamt sind wir hier auf einem sehr guten Weg, und im Vergleich zu Voruntersuchungen von Hinkelbein et al. hat sich im untersuchten Bereich wirklich sehr viel getan! Eine tolle Analyse von den Kollegen um Luckscheiter.

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