Sichtungskategorien bei Terroranschlägen

Ein Beitrag von Dr. Ulf Harding, Wolfsburg:

Zur Planung der Versorgung nach Massenanfällen von Verletzten ist es notwendig, eine mögliche Verteilung der Patienten auf die einzelnen Sichtungskategorien abzuschätzen. Aktuell wird für Deutschland nach der 7. Sichtungskonsensuskonferenz 2017 von einer Verteilung auf die Sichtungskategorien I/II/III von je 20/30/50% ausgegangen.

Juncken und Kollegen aus dem Universitätsklinikum Dresden haben nun analysiert, welche Verteilung bei Terroranschlägen und anderen Großschadensereignissen in Europa in einem Zeitraum von 1985 bis 2017 anhand publizierter Daten tatsächlich vorlag.

Juncken K, et al. Verteilung der Sichtungskategorien bei Terroranschlägen mit einem Massenanfall von Verletzten. Unfallchirurg, 2018. doi.org:10.1007/s00113-018-0543-2

In die Untersuchung eingeschlossen wurden Schadensereignisse in Europa und der Türkei mit mehr als 9 Verletzten vom 01.01.1985 bis 31.05.2017, die über eine systematische Literaturrecherche zugänglich waren.

Insgesamt konnten 260 Publikationen identifiziert werden, wovon sich 227 auf Ereignisse mit terroristischem Hintergrund bezogen.

Ergebnisse:

Die Verteilung der Sichtungskategorien (alle Ereignisse):

Die Verteilung der Sichtungskategorien (Terror):

Von den untersuchten Ereignissen verursachten Naturkatastrophen die meisten Todesfälle. Betrachtet man die Verteilung der Sichtungskategorien bei Terroranschlägen, so liegt die Verteilung im Median bei 14/15/39%. Bei näherer Betrachtung ist die Verteilung allerdings je nach eingesetzter Waffe unterschiedlich. Bei Sprengkörpern kam es zur anteilig geringsten Rate an Toten und Schwerverletzten, bei einer Kombination aus Bombenanschlag und Schusswaffengebrauch kam es jedoch zu 11% Toten und 18% Schwerverletzten. Bei Amokfahrten entfielen auf die SK I 21% und auf die SK II 42% der Verletzten.

In Ermangelung eines MANV-Registers hat die Untersuchung publizierte Großschadensereignisse analysiert. Es zeigt sich, dass die gefundene Verteilung der Sichtungskategorien den Planungsgrößen nahekommt, jedoch stark von der Art des Ereignisses abhängt. So muß nach Terroranschlägen in Abhängigkeit der eingesetzten Waffen mit einem anderen Verteilungsmuster gerechnet werden. Insbesondere bei Schusswaffengebrauch lagen in den zugänglichen Daten mehr unmittelbar verstorbene Patienten vor. Kommt es zum Einsatz von Schusswaffen und Bomben, so ist von einer höheren Zahl an Patienten der SK I auszugehen. Auch bei Amokfahrten ist von mehr Patienten der SK I und II auszugehen, als die Planung vorsieht. Bei Ereignissen mit Massenpanik und Flugzeugabstürzen fanden sich mehr Patienten der SK II, als in den Planungsgrößen erwartet.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die Planungsgrößen durch die stattgehabten Ereignisse weitestgehend bestätigt werden konnten. Dennoch kommt es je nach auslösendem Ereignis zu teilweise deutlichen Abweichungen. Dies sollte in der Bewältigung solcher MANV-Szenarien berücksichtigt werden. Sowohl im Einsatz als auch in der Planung kann dies, gerade auch im ländlichen Raum, eine abweichende Einsatztaktik erfordern.

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