{"id":20835,"date":"2026-05-31T01:12:35","date_gmt":"2026-05-30T23:12:35","guid":{"rendered":"https:\/\/news-papers.eu\/?p=20835"},"modified":"2026-05-28T22:33:06","modified_gmt":"2026-05-28T20:33:06","slug":"praehospital-notwendige-interventionen-verzoegern-den-kliniktransport-sollen-aber-nicht-vermieden-werden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/news-papers.eu\/?p=20835","title":{"rendered":"Pr\u00e4hospital notwendige Interventionen verz\u00f6gern den Kliniktransport, sollen aber nicht vermieden werden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><strong>Ein Gastbeitrag von Marius M\u00fcnch, Ulm\u00a0 \u00a0<\/strong> \u00a0<\/span> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Die pr\u00e4hospitale Traumaversorgung hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig weiterentwickelt und ist immer komplexer geworden. Invasive Prozeduren, wie pr\u00e4hospitale Bluttransfusionen, die Anlage arterieller oder zentralven\u00f6ser Zug\u00e4nge oder die Durchfu\u0308hrung einer Thorakotomie geh\u00f6ren zum Repertoir moderner Notfallmedizin, kosten jedoch Zeit und k\u00f6nnen somit den Transport in ein Krankenhaus verz\u00f6gern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere bei penetrierenden Verletzungen oder unkontrollierten Blutungen kann jede zus\u00e4tzliche Minute bis zur chirurgischen Versorgung den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Studie von Gandolfi et al., erschienen im April 2026, wurde in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten der Einfluss solcher invasiver Prozeduren auf die Zeit am Einsatzort untersucht.<\/p>\n<blockquote><p>Gandolfi M, Bird F, Henry C et al.<\/p>\n<p>The impact of advanced pre-hospital interventions on scene time.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s13049-026-01613-5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Scand J Trauma Resusc Emerg Med (2026)<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Methodik:<\/strong><br \/>\nEine retrospektive Kohortenstudie aller Prim\u00e4reins\u00e4tze bei Traumapatient:innen, die im Zeitraum 2005-2010 (Gruppe 1) und 2017-2021 (Gruppe 2) durch die London&#8217;s Air Ambulance (LAA) im Gro\u00dfraum London versorgt wurden. Dabei wurde zwischen stumpfen und penetrierenden Traumata unterschieden. Jedes Einsatzteam des LAA bestand aus mindestens einem Arzt und einem Notfallsanit\u00e4ter, im sp\u00e4teren Untersuchungszeitraum meist erg\u00e4nzt um einen weiteren Arzt oder Notfallsanit\u00e4ter und war in der Lage, erweiterte medizinische Interventionen durchzufu\u0308hren. Die Anfahrt zum Einsatzort erfolgte entweder bodengebunden oder per Hubschrauber. Prim\u00e4rer Endpunkt war die Zeit am Einsatzort (scene time).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als erweiterte medizinische Interventionen wurden folgenden Prozeduren definiert:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>pre-hospital emergency anaesthesia (PHEA, Notfallnarkose)<\/li>\n<li>Bluttransfusion<\/li>\n<li>Anlage eines arteriellen oder zentralven\u00f6sen Zugangs<\/li>\n<li>Thorakostomie<\/li>\n<li>Thorakotomie<\/li>\n<li>resuscitative endovascular balloon occlusion of the Aorta (REBOA)<\/li>\n<li>advanced life support (ALS) bei traumatischem Kreislaufstillstand<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgeschlossen wurden Eins\u00e4tze mit nicht-traumatischen Erkrankungen, einer Abbestellung vor Patientenkontakt, Eins\u00e4tze mit fehlenden Zeitangaben und Patient:innen, die bereits am Einsatzort verstorben waren.<br \/>\nDie Datenerhebung erfolgte retrospektiv aus einer Datenbank und umfasste folgende Parameter:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Patientendemografie<\/li>\n<li>Verletzungsmechanismus<\/li>\n<li>pr\u00e4hospitale Interventionen<\/li>\n<li>Teamgr\u00f6\u00dfe<\/li>\n<li>Transportmittel<\/li>\n<li>alle pr\u00e4hospitalen Zeitintervalle<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ergebnisse:<\/strong><br \/>\nInsgesamt wurden in der Studie die Daten von 1.357 Patient:innen untersucht (Gruppe 1: 728 Patient:innen, Gruppe 2: 629 Patient:innen). Die durchschnittlich am Einsatzort verbrachte Zeit betrug bei der ersten Gruppe 22 Minuten und bei der zweiten Gruppe 20 Minuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei hatte der Verletzungsmechanismus einen entscheidenden Einfluss. Im Durchschnitt betrug die Zeit an der Einsatzstelle bei stumpfen Traumata 25 Minuten, w\u00e4hrend es bei penetrierenden Traumata im Durchschnitt nur 10 Minuten waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zus\u00e4tzlich wurden bei stumpfen Verletzungsmechanismen deutlich mehr Interventionen durchgefu\u0308hrt. Dies zeigte sich in beiden Untersuchungszeitr\u00e4umen. Es kam zu einem Anstieg der Gesamteinsatzdauer von Alarmierung bis zur \u00dcbergabe der Patient:innen von 59 auf 63 Minuten. Urs\u00e4chlich hierfu\u0308r waren l\u00e4ngere Anfahrtszeiten zum Einsatzort und l\u00e4ngere Transportwege in die Kliniken. In dem sp\u00e4teren Untersuchungszeitraum zeigte sich ein h\u00f6heres Durchschnittsalter der Patient:innen und eine deutliche Zunahme penetrierender Traumata (24,2% auf 34,2%). Zus\u00e4tzlich wurden in Gruppe 2 h\u00e4ufiger Interventionen durchgefu\u0308hrt (23,6% auf 29,4%).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem Gro\u00dfteil der Patienten wurde keine Intervention durchgefu\u0308hrt, hier lag die durchschnittliche Zeit am Einsatzort bei 17 Minuten. Jede durchgefu\u0308hrte Intervention fu\u0308hrte zu einem proportionalen Anstieg der Zeit am Einsatzort, insofern dass jede einzelne Intervention die ben\u00f6tigten Einsatzzeit um 41% erh\u00f6hte. Die h\u00e4ufigste durchgefu\u0308hrte Intervention war die Notfallnarkose mit einer durchschnittlichen Dauer von 37 Minuten. Eine REBOA ben\u00f6tigte im Vergleich die meiste Zeit und dauerte im Durchschnitt 61 Minuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Diskussion:<\/strong><br \/>\nTrotz der zunehmenden Zahl an durchgefu\u0308hrten Interventionen blieb die Zeit am Einsatzort in den beobachteten Zeitr\u00e4umen ann\u00e4hernd gleich. Dabei hatte der Verletzungsmechanismus den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf die verbrachte Zeit am Einsatzort. Bei penetrierenden Traumata verku\u0308rzte sich diese im Vergleich zu stumpfen Verletzungsmustern um die H\u00e4lfte. Dies lag an der Tendenz, penetrierende Verletzungen m\u00f6glichst schnell einer chirurgischen Therapie zuzufu\u0308hren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar konnte gezeigt werden, dass jede durchgefu\u0308hrte Intervention die Zeit am Einsatzort verl\u00e4ngerte, dies sollte aber nicht dazu fu\u0308hren, bestimmte Interventionen grunds\u00e4tzlich zu vermeiden.Dies deckt sich auch mit den Ergebnissen von Kulla et al. [1] aus dem Jahr 2012, bei denen der Zeitbedarf f\u00fcr Narkose, Atemwegssicherung und Thoraxdrainage betrachtet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Patient:innen mit komplexen traumatischen Verletzungen ben\u00f6tigen naturgem\u00e4\u00df mehr Interventionen, von denen einige im Einsatz auch parallel durchgefu\u0308hrt werden k\u00f6nnen und auch werden. Zudem erh\u00f6hen komplexe Verletzungsmuster, unabh\u00e4ngig von den durchgefu\u0308hrten Interventionen, automatisch die Zeit bis zum Abtransport. Es sollte vielmehr eine strenge Abw\u00e4gung u\u0308ber Risiko und Nutzen der einzelnen Ma\u00dfnahmen erfolgen. Wann profitieren Patient:innen von einer Intervention und wann sollte ein m\u00f6glichst schneller Transport in ein geeignetes Krankenhaus erfolgen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit ist in der pr\u00e4hospitalen Versorgung immer eine strenge Abw\u00e4gung zwischen dem Nutzen einer Ma\u00dfnahme und dem zu erwartenden Zeitverlust notwendig. Hier bedarf es weiterer Forschungen, welche Patientengruppen von komplexen Interventionen am meisten profitieren.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<ol>\n<li><span class=\"highwire-citation-authors\"><span class=\"highwire-citation-author first\" data-delta=\"0\"><span class=\"nlm-surname\">Kulla<\/span>\u00a0M<\/span>,\u00a0<span class=\"highwire-citation-author\" data-delta=\"1\"><span class=\"nlm-surname\">Helm<\/span>\u00a0M<\/span>,\u00a0<span class=\"highwire-citation-author\" data-delta=\"2\"><span class=\"nlm-surname\">Lefering<\/span>\u00a0R<\/span><\/span><span class=\"citation-et\">, et al. <\/span>Prehospital endotracheal intubation and chest tubing does not prolong the overall resuscitation time of severely injured patients: a retrospective, multicentre study of the Trauma Registry of the German Society of Trauma Surgery, <span class=\"highwire-cite-metadata-journal highwire-cite-metadata\">Emergency Medicine Journal <span class=\"highwire-cite-metadata-year highwire-cite-metadata\"><span class=\"highwire-cite-metadata-volume highwire-cite-metadata\">29: <span class=\"highwire-cite-metadata-pages highwire-cite-metadata\">497-501 (2012)<\/span><\/span><\/span><\/span><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Marius M\u00fcnch, Ulm\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Die pr\u00e4hospitale Traumaversorgung hat sich in den letzten Jahrzehnten stetig weiterentwickelt und ist immer komplexer geworden. 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