{"id":19106,"date":"2025-01-23T01:12:51","date_gmt":"2025-01-23T00:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/news-papers.eu\/?p=19106"},"modified":"2025-01-18T12:09:47","modified_gmt":"2025-01-18T11:09:47","slug":"should-i-stay-or-should-i-transfuse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/news-papers.eu\/?p=19106","title":{"rendered":"Should I stay or should I transfuse ?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><strong>Ein Gastbeitrag von Ferdinand Maier, Ulm<\/strong><\/span> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wann ist der richtige Zeitpunkt f\u00fcr eine Transfusion von Erythrozytenkonzentraten (EKs)? Dies Frage stellen sich vermutlich viele Kliniker. Sind dabei physiologische Werte besser geeignet, um diese Entscheidung zu treffen als H\u00e4moglobin (Hb)-basierte Grenzwerte? Um diese Frage zu beantworten, besch\u00e4ftigten sich Noitz et al. in einem Kommentar mit physiologischen Transfusionstriggern, Hb-basierten Grenzwerten und der aktuellen Evidenzlage dazu.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noitz M, D\u00fcnser MW, Mahe\u010di\u0107 TT, Meier J.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Physiologic transfusion thresholds, better than using Hb-based thresholds?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.bloodtransfusion.it\/bt\/article\/view\/901\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blood Transfus 2024 epub ahead of print<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Transfusion von EKs zielt darauf ab, die Sauerstofftransportkapazit\u00e4t und das daraus folgende Sauerstoffangebot (DO2) zu erh\u00f6hen. Dabei spielt der Zeitpunkt einer Transfusion eine wichtige Rolle, um sowohl unn\u00f6tige Transfusionen und deren Nebenwirkungen als auch an\u00e4miebedingte Morbidit\u00e4t und Mortalit\u00e4t zu vermeiden. Betrachtet man nur den Hb-Wert, bekommt man keine Information \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen DO2 und VO2 (Gewebesauerstoffverbrauch). Alternative Triggerfaktoren f\u00fcr das Anzeigen einer akuten An\u00e4mie und des Risikos einer Gewebehypoxie scheinen von Vorteil zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In mehreren Leitlinien werden Hb-basierte Schwellenwerte genannt, um die Indikation f\u00fcr eine EK Transfusion zu stellen. So wie in der aktuellen Leitlinie der Association for Advancement of Blood and Biotherapies (<a href=\"https:\/\/www.aabb.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>AABB<\/strong><\/a>), die bei kardio-pulmonal gesunden Erwachsenen und Kindern eine EK Transfusion bei einem Hb-Wert von 7 g\/dl empfiehlt. Bei Patienten mit kardiovaskul\u00e4ren Komorbidit\u00e4ten (7,5 g\/dl) und bei erwachsenen herz- oder orthop\u00e4disch chirurgischen Patienten (8 g\/dl) werden h\u00f6here Schwellenwerte genannt. In anderen Fachgesellschaften werden Hb-Schwellenwerte zwischen 7 und 9 g\/dl als Transfusionstrigger erw\u00e4hnt. W\u00e4hrend die European Society of Intensive Care Medicine (<a href=\"https:\/\/www.esicm.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>ESICM<\/strong><\/a>) die Verwendung von Hb-basierten Grenzwerte empfiehlt, spricht die aktuelle Leitlinie der European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (<a href=\"https:\/\/esaic.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>ESAIC<\/strong><\/a>) f\u00fcr das Management schwerer perioperativer Blutungen davon, von einer Transfusion profitable Patienten zu identifzieren, indem man physiologische Werte wie beispielsweise die zentralven\u00f6se Sauerstoffs\u00e4ttigung (ScvO2) oder die arterioven\u00f6se Sauerstoffdifferenz (avDO2) betrachtet. Die <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/fileadmin\/user_upload\/_old-files\/downloads\/pdf-Ordner\/MuE\/Querschnitts-Leitlinien_BAEK_zur_Therapie_mit_Blutkomponenten_und_Plasmaderivaten-Gesamtnovelle_2020.pdf&amp;ved=2ahUKEwj8k4LBjf-KAxW81jQHHQsqEZ8QFnoECBoQAQ&amp;usg=AOvVaw27-ZC7csau8ahiX9n5VFF4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Querschnitts-Leitlinie zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten der Bundes\u00e4rztekammer<\/a> bef\u00fcrwortet ausdr\u00fccklich die Ber\u00fccksichtigung von physiologischen Parametern wie z.B. Tachykardie, Hypotonie, Laktatazidose, neue EKG Ver\u00e4nderungen oder Ver\u00e4nderungen der ScvO2 als Anzeichen einer Gewebehypoxie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei wesentlichen Determinanten des DO2 sind das Herzzeitvolumen (HZV oder Cardiac Output (CO)), der Hb und die arterielle Sauerstoffs\u00e4ttigung (SaO2). Wenn DO2 unter VO2 f\u00e4llt, f\u00fchrt dies zu einer Gewebehypoxie. Kommt es zu einer blutungsbedingten An\u00e4mie, k\u00f6nnte eine Erh\u00f6hung des HZV die mangelnde Sauerstofftransportkapazit\u00e4t ausgleichen. Bei kritisch kranken Patienten fehlt dieser Kompensationsmechanismus, sei es durch die eingeschr\u00e4nkte Herz- oder Atemfunktion oder aufgrund von Medikamenten (z.B. Betablocker, Sedativa).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In tierexperimentiellen Studien konnte gezeigt werden, dass Hb-Werte um 3 g\/dl wahrscheinlich die Untergrenze der Kompensationsmechanismen bei einer akuten An\u00e4mie darstellt. Der physiologische Punkt der Dekompensation des kardio-vaskul\u00e4ren Systems bei einer An\u00e4mie l\u00e4sst sich nicht sicher beantworten, da die Organe unterschiedliche An\u00e4mietoleranzen aufweisen. In diesen Studien wies das Myokard eine bessere An\u00e4mietoleranz auf als Niere oder Darm. Die Niere ist das erste Organ, gefolgt vom Darm, bei dem der Sauerstoffpartialdruck abnimmt und vom H\u00e4matokrit abh\u00e4ngig wird.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Ver\u00e4nderungen im EKG<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt keine klinischen Studien, die EKG Ver\u00e4nderungen als physiologischen Transfusionstrigger untersucht haben. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind die geringe Sensitivit\u00e4t und Spezifit\u00e4t und die Tatsache, dass solche Ver\u00e4nderungen erst Sp\u00e4tindikatoren f\u00fcr eine kritische An\u00e4mie darstellen. Dennoch konnte nachgewiesen werden, dass Ver\u00e4nderungen des Hb-Wertes den Vektor im EKG beeinflussen k\u00f6nnen. So kann dieser bei einer Blutung erh\u00f6ht und nach einer EK Transfusion erniedrigt sein. In Tiermodellen wurde durch eine H\u00e4modilution (Hb &lt; 5 g\/dl) eine signifikante Ver\u00e4nderungen der Herzfrequenzvariabilit\u00e4t beobachtet.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Nahinfrarotspektroskopie (NIRS)<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die NIRS ist eine nicht-invasive Methode zur Messung und Quantifizierung einer regionalen organspezifischen Gewebeoxygenierung. In einer systematischen \u00dcbersichtsarbeit wurden dazu widerspr\u00fcchliche Ergebnisse festgestellt. Bei blutenden Traumapatienten war die Sensitivit\u00e4t zur Vorhersage eines Transfusionsbedarfs zu gering und bei Patienten mit herz- oder neurochirurgischen Eingriffen sowie Neugeborenen wurde durch den Einsatz der NIRS eine Verringerung der Anzahl der transfundierten EKs beobachtet. Bei Patienten mit einer schweren traumatischen Hirnverletzung (TBI) kam es nach EK Transfusion zu einem anhaltenden Anstieg der Sauerstoffs\u00e4ttigung des Hirngewebes. Somit k\u00f6nnte die NIRS hier das individuelle Transfusionsmanagement bei neurokritischen Patienten unterst\u00fctzen. Obwohl zwischen invasiv und nicht-invasiv gemessener Sauerstoffs\u00e4ttigung im Hirngewebe eine signifikante Korrelation nachgewiesen werden konnte, wurde die Genauigkeit der NIRS zur Erkennung einer intrazerebralen Hypoxie bei TBI Patienten als gering und unzureichend befunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es auch hier an validierten Daten fehlt, gibt es derzeit keine Empfehlung zur Anwendung der NIRS, um die Steuerung der Transfusionspraxis zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Zentral-ven\u00f6se Sauerstoffs\u00e4ttigung (ScvO2) und gemischt-ven\u00f6se Sauerstoffs\u00e4ttigung (SgvO2)<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">ScvO2 und SgvO2 spiegeln das Verh\u00e4ltnis zwischen DO2 und VO2 wider. Der Grad der Sauerstoffextraktion im Gewebe kann dadurch \u00fcberwacht werden. Es wurde eine signifikante Korrelation zwischen den Ver\u00e4nderungen der Hb- und ScvO2-Werten bei Patienten nachgewiesen, bei denen es w\u00e4hrend einer Kraniotomie zu einem akuten Blutverlust gekommen war. In einer randomisiert kontrollierten Studie (RCT) f\u00fchrten Hb-Werte &lt; 9 g\/dl + ScvO2-Werte \u2264 65 % zu einer Reduzierung von EK Transfusionen um 32 % bei herzchirurgischen Pateinten auf der Intensivstation im Vergleich zu einer Hb-basierten Transfusionsstrategie. In einer anderen Studie war eine restriktivere EK Gabe auf Basis eines ScvO2-Wertes von 70 % ohne negative Folgen auf die postoperative Morbidit\u00e4t oder die 6-Monats-Mortalit\u00e4t. Auch hier sind die Daten begrenzt. Die Interaktion zwischen Hb, ScvO2 und SgvO2 ist sehr komplex. Eine Erniedrigung beider Werte bedeutet nicht zwingend eine verminderte Gewebeoxygenierung. Bei Erkrankungen mit beeintr\u00e4chtigter Sauerstoffextraktion und dessen Verwertung wie z.B. im septischen Schock sind die Werte beider Parameter fraglich. Ebenfalls sind HZV und die arterielle Oxygenierung Einflussfaktoren auf ScvO2 und SgvO2, was die Anwendbarkeit als Transfusionstrigger einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Arterioven\u00f6se Sauerstoffdifferenz (avDO2)<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die avDO2 beschreibt die Differenz des Sauerstoffgehaltes zwischen arteriellem (CaO2) und ven\u00f6sem (CvO2) Blut und kann als Surrogatparameter f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen DO2 und VO2 dienen. Eine prospektive Beobachtungsstudie konnte zeigen, dass durch die avDO2 kritisch kranke Patienten identifiziert werden konnten, die von einer EK Transfusion profitierten.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Arterielle Laktatwerte<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laktat gilt als potentieller Indikator f\u00fcr eine Gewebehypoxie und einem anaeroben Stoffwechsel. Bei blutenden Traumapatienten k\u00f6nnen erh\u00f6hte Werte darauf hinweisen, dass mehrere Transfusionen und\/oder eine endovaskul\u00e4re oder chirurgische Blutstillung ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt jedoch auch Daten, die keine Korrelation zwischen Laktatspiegeln und Hb oder ScvO2-Ver\u00e4nderungen bei neurochirurgischen Patienten mit akutem Blutverlust festgestellt haben. In Tier- und Humanstudien \u00fcber schwere isovol\u00e4mische An\u00e4mien waren erh\u00f6hte Laktatwerte ein sp\u00e4tes Anzeichen f\u00fcr eine akute An\u00e4mie, da diese erst ansteigen, wenn der Hb-Wert unter einen kritischen Wert von 5 g\/dl f\u00e4llt. Auch ist das Laktat nicht spezifisch f\u00fcr eine Hypoxie des Gewebes. Eine erh\u00f6htes Laktat kann beispielsweise auch durch Leberversagen, metabolischen Stress und Medikamente (z.B. \u00df-Rezeptor-Agonisten) verursacht werden.<\/p>\n<blockquote>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><u>Schlussfolgerung der Autoren<\/u><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Physiologische Transfusiontrigger sind individuell, da sie sowohl Kompensationsmechanismen als auch organspezifische An\u00e4mietoleranzen mit einbeziehen. Hb-basierte Grenzwerte bieten einen pragmatischeren Ansatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Daten \u00fcber physiologische Transfusiontrigger kommen aus Tiermodellen. In der t\u00e4glichen klinischen Praxis liegen dar\u00fcber nur wenige Daten vor, im Gegensatz zu Hb-basierten Transfusionsstrategien, die in vielen RCTs und Meta-Analysen untersucht wurden. Deshalb ist eine weitere Forschung notwendig, um den potentiellen Nutzen physiologischer Transfusiontrigger zu bewerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von Ferdinand Maier, Ulm \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wann ist der richtige Zeitpunkt f\u00fcr eine Transfusion von Erythrozytenkonzentraten (EKs)? Dies Frage stellen sich vermutlich viele Kliniker. 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